Chiara

 

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Hierzu gibt es eine kleine Vorgeschichte, wie ich auf die Idee kam, diese Geschichte zu schreiben.

Ich bin ein großer Fan der Fantasykönigin Marion Zimmer Bradley ("Die Feuer von Troja", Avalon  Trilogie). Vor allem fasziniert mich in ihren Romanen, dass sie die Realität mit einbezieht ohne dass das Fantastische darunter zu leiden hat. Was ich damit sagen will, ist, dass ich schon immer einen Hang zur Fantasy hatte, doch in Friends konnte ich das niemals einbauen. Also begann ich, eine neue Geschichte zu schreiben......Noch immer habe ich noch nicht alles aufgeschrieben, aber ich arbeite daran. Ich habe bisher schon sehr viel Informationsmaterial und wenn ich nicht weiter weiß oder Informationen benötige, weiß ich, dass meine Freunde mir helfen werden, meinen Traum zu verwirklichen; diese Geschichte zu Ende schreiben.

Ich möchte mich bei diesem Projekt besonders bei meinen Freunden bedanken, die mich immer wieder zu neuen Ideen anregten und besonders bei Christina und Sarah, sie haben für mich immer Korrektur gelesen. Auch möchte ich mich bei "Sandman" bedanken, für den Besuch bei seiner kleinen Tochter Chiara.*

Bitte betrachtet die Geschichte als geschütztes Gedankengut!

 

* Anmerkung: Die Änderung der Schrift ist beabsichtigt und bedeutet, dass es an einem anderen Ort stattfindet!

 

Diese Geschichte widme ich Chiara, die als kleine Vorlage galt;

 Sarah, meiner kleinen Amazone;

Christina, der Königin und Freundin,

und Jennifer, meiner kleinen stillen, unsichtbaren Freundin.

 

Chiara öffnete das Fenster und atmete tief ein. Wie gut die frische, kalte Luft tat! Sie ließ den Fensterflügel offen stehen und setzte sich auf ihrem Bett nieder. Mit der Bürste in der Hand versuchte sie ihr langes goldblondes Haar zu bändigen. Nachdem sie es zu einem langen Zopf geflochten hatte, zog sie ein einfaches braunes Leinenkleid an. Chiara stieg die Treppe in die Küche hinab und begrüßte ihre Mutter

„Guten Morgen! Hab ich gut geschlafen! Und Hunger habe ich auch!“ Rief sie ihrer Mutter fröhlich zu.

„Iss nur, mein Kind!“ Sagte sie, während sie Brot und Ziegenmilch auf den Tisch stellte.

„Du wirst deine Kräfte noch brauchen“, murmelte sie und sah lächelnd auf Chiara.

Nachdem Chiara fertig gegessen hatte, ging sie in den Pferdestall, um Makash zu striegeln. Makash war die schönste und stolzeste Stute im Stall ihres Vaters. Chiara hatte Makash mit 10 Jahren von ihrem Vater geschenkt bekommen, als er von einer Reise aus der Wüste zurückkehrte. Nachts sollte man die Sterne am Himmel strahlender und heller als nirgends anders sehen. Das alles wusste Chiara aus den Erzählungen ihres Vaters. Im Moment war er auf einer Reise in den Süden, in das Königreich von Ul-Noletef. Dieser besaß großen Reichtum und viele, viele Edelsteine und Rubine. Chiara wurde aus ihren Gedanken über das Leben als Prinzessin aufgeschreckt, als sie heftig am Arm gezogen wurde.

„Spielst du mit mir?“ Quengelte es auch gleich.

„Nein“, sagte Chiara entschieden, „Siehst du nicht, dass ich gerade Makash striegle? Frag jemand anderen!“

Sofort fing ein ohrenbetäubendes Heulen an. Chiara beugte sich zu ihrem kleinen Bruder und tröstete ihn:

„Fapy, wenn du mir wirklich helfen willst, dann hole jetzt für Makash einen Eimer Wasser.“

Damit hatte Chiara zwar die Tränen getrocknet, doch beleidigt schlich Fapy ins Haus zurück. Chiara atmete tief ein und sattelte Makash. Ein Ausritt war jetzt genau das, was sie brauchte. Über die weiten Wiesen galoppieren und den Gedanken freien Lauf lassen, während Makash´s Mähne im Wind flattert.

„Chiara? Chiara!“ Das war doch Vaters Stimme! Chiara erwachte schlagartig aus ihrem Traum. Sie rannte auf den Hof und landete in den kräftigen Armen ihres Vaters.

„Da bist du ja, meine Große! Ich habe dir auch etwas mitgebracht. Hier“, er setzte Chiara einen reich verzierten Haarreif auf, „du siehst aus wie eine Prinzessin.“ Sagte er verträumt und blickte dabei bedauernd zu Chiara, doch diese bemerkte den traurigen Blick nicht.

Später am Abend schlich Chiara noch einmal in die Küche hinunter, um etwas zu trinken, als sie Stimmen und Schluchzen hörte. Sie gehörten Vater und Mutter. Chiara war eigentlich nicht sehr neugierig, aber irgendetwas zwang sie, stehen zu bleiben und zu lauschen:

„Weine nicht, Maria. Sie muss gehen, du weißt selbst, was wir damals versprochen haben. Es ist ihre Bestimmung; die Prophezeiung muss erfüllt werden. Wir müssen es ihr morgen sagen.“

Chiaras Mutter fragte:

„Du hast also das Schwert mitgebracht. Haben Jean und Luzifer es dir gegeben?“

„Ja, aber du weißt, es blieb mir keine andere Wahl.“

„Wann muss sie gehen?“

Betrübt antwortete Chiaras Vater: „Morgen wird sie von Ihm abgeholt. Bis dahin müssen wir uns von ihr verabschiedet haben.“

Chiaras Vater nahm seine Frau in den Arm und tröstete sie, während Chiaras Mutter heftig schluchzte.

„Mach dir keine Sorgen, Maria. Sie ist nicht mehr die kleine, die wir einst aufnahmen. Sie ist stark geworden, stark genug, um die Prophezeiung zu erfüllen. Unser aller Leben hängt von ihr ab. Chiara ist stark, sie wird es überleben.“

Chiara stand wie versteinert hinter der angelehnten Tür. Sie musste weggehen? Wer waren Jean und Luzifer? Warum musste sie weggehen und wohin würde sie ihr Weg führen?

Den Kopf voller Gedanken, ging sie in ihr Bett zurück, doch schlafen konnte sie nicht. Schon beim Morgengrauem stand Chiara auf, flocht ihre Haare und zog sich an. Doch anstatt hinunter in die Küche zu gehen, setzte Chiara sich auf den Fenstersims des geöffneten Fensters und atmete tief die frische Luft ein. Sie fröstelte, es war doch nicht so warm, wie sie gedacht hatte. Doch egal, sie war hier, um sich zu verabschieden. Auch wenn sie noch nicht wusste, wohin sie gehen musste, war ihr in der vergangenen Nacht klar geworden, dass sie hier nicht bleiben würde – und vielleicht würde sie nie wieder zurückkehren.

Verträumt blickte Chiara über das Land, das vor ihr lag. Der Gemüse- und Kräutergarten, indem sie oft mit Fapy verstecken gespielt hatte. Weiter im Norden konnte sie die Weite Ebene erkennen und am Horizont ragte groß und mächtig das unbezwingliche Eraldimat Gebirge auf. Wie sie dieses Land vermissen würde. Das war doch ihre Heimat! Sie wollte hier bleiben und so weiter leben, unbeschwert und leicht, ohne sich viele Gedanken machen zu müssen. Langsam ging die blutorange Sonne auf, und Chiara musste unwillkürlich blinzeln. Sie blickte das Land von ihrem Fenster ganz genau an und prägte es sich ein.

„Ich will es nie vergessen, denn das ist meine Heimat“, dachte Chiara.

Da hörte sie ihren Namen und ging gehorsam in die Küche hinunter. Dort erwarteten sie schon ihre Mutter und ihr Vater.

„Hier bin ich“, brachte Chiara mühsam hervor, denn sie wusste, jetzt wollten ihre Eltern sich verabschieden.

„Chiara, du weißt, dass wir dich über alles lieben“, begann ihre Mutter, „aber du musst fortgehen von hier. Wir können dir nicht alles sagen, was dich erwartet, aber ich möchte, dass du weißt, dass wir dich nicht vergessen und dich vermissen werden. Auch wenn du immer meine kleine Chiara sein wirst, müssen wir dir sagen: wir sind nicht deine Eltern.“

„Aber Chiara, mach dir keine Sorgen, wir werden dich immer so lieben, wie wir dich geliebt haben, als Tochter“, sagte Chiaras Vater weiter, „aber du musst fortgehen. Wir wissen selbst nicht, wohin Luzifer dich bringt, aber wir glauben an dich und hoffen, dich eines Tages wieder zu sehen. Verstehst du?“

Chiaras Augen hatten sich mit Tränen gefüllt, nur mühsam konnte sie ein Schluchzen unterdrücken.

„Warum schickt ihr mich weg? Und wer will mich abholen?“ Brachte sie mit Tränenerstickter Stimme hervor.

„Chiara, wir schicken dich nicht gerne weg, aber wir haben es vor 13 Jahren versprochen. Wir konnten nicht anders“, auch Chiaras Mutter rannen nun dicke Tränen an den Wangen herunter.

„Sein Name ist Luzifer. Er wird dich abholen und dich dorthin bringen, wo du die Prophezeiung erfüllen kannst.“ Schloss Chiaras Vater.

„Welche Prophezeiung? Ich will hier bleiben, bei euch! Es ist mir egal, ob ihr meine Eltern seid oder nicht, aber ihr werdet es immer für mich sein! Lasst mich hier bleiben! Bitte!“ Chiara konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten.

„Chiara, versteh doch bitte, wir können dich nicht hier behalten. Wir haben es, als wir dich annahmen, geschworen. Und diesen Schwur können wir nicht brechen. Wir leiden doch auch darunter, aber es ist nun einmal so.“

„Warum muss ich von hier weg? Ich gehe nicht weg, ich will nicht ohne euch leben müssen. Wer sagt überhaupt, dass ich diese dumme Prophezeiung erfüllen kann. Ich weiß doch nicht einmal, ob ich sie erfüllen kann. Was ist, wenn ich nicht den Erwartungen entspreche? Sie werden mich niemals wieder zurückkehren lassen. Ich will nicht weg, versteht mich doch...“ Chiara konnte nicht weiterreden, weil sie von heftigen Schluchzern geschüttelt wurde.

„Hör mir gut zu, meine Tochter“ sagte Maria, „ich habe dich nicht zur Welt gebracht, aber ich habe dich so geliebt wie ein eigenes Kind. Wir alle hier wollen dich nicht verlieren, aber so will es die Prophezeiung. Ich kenne sie nicht sehr gut, doch ein Satz hat sich in mein Herz eingebrannt: ‚Die Retterin wird niemals die Schmerzen der Trennung überwinden können und daran zugrunde gehen.’ Ich will nicht, dass dieser kleine Teil der Prophezeiung Wirklichkeit werden muss. Darum bitte ich dich, pass gut auf dich auf,  aber verschließe dich nicht der Wahrheit. Du musst immer zuerst an dein Volk denken, und dann erst an dich. Ich weiß, dass du dich opferst, aber du tust es für uns alle, denn ohne dich sind wir für immer verloren. Und das wirst du einmal genauso klar und deutlich wissen, wie ich und dein Vater.“, Chiara´s Mutter standen Tränen in den Augen doch sie redete tapfer weiter, „Du darfst nicht vergessen, dass wir als deine Zieheltern auch unser Leben geopfert haben. Schon seit einiger zeit haben wir den Verdacht, dass es hier einen Spion gibt, und ich habe in einer plötzlichen Vision gesehen, dass er uns verraten wird. Aber so weit ist es noch nicht und vielleicht war es auch nur eine Täuschung, die wir jedoch nicht unterschätzen dürfen. Ich bitte dich Chiara, denke an mich, wenn du nicht mehr weiter weißt. Ich bin auf ewig mit dir verbunden.“

Fest schloss Chiara ihre Arme um Maria und ließ den letzten Tränen freien Lauf.

Plötzlich hörte man lautes Hufgetrappel vom Hof her. Maria und der Fürst erhoben sich und gingen in den Hof hinaus, um zu sehen, wer gekommen war. Chiara blieb allein am Tisch sitzen und starrte ins Leere, während ihre Gedanken rasten. Luzifer, wer war er, was wollte er von ihr? Nur weil sie nicht bei ihren richtigen Eltern wohnte, musste er ihr doch nicht das Leben zerstören!

Als Chiara ihren Namen hörte, schreckte sie auf. Vor ihr stand ein großer Mann in einer schwarzen Kutte und einer Kapuze auf dem Kopf. Er sah auf Chiara herab und sie konnte ein Lächeln erkennen. Doch Chiara sah nicht das Lächeln, sondern nur seine blauen Augen. Sie waren unbeschreiblich schön, fand Chiara. So blau, so weit, so…frei. Die Puppille war umgeben von winzigen Fasern aus blau, gelb, grün und grau. Eingefasst wurden diese durch einen dunkelblauen dünnen Kreis.

Mit Schrecken stellte Chiara fest, dass sie diese Augen kannte, die inzwischen auf ihr ruhten. Sie waren ihr so vertraut, als ob es ihre eigenen wären. Und dieser Mann kam ihr so vertraut vor, als wäre er ihr Vater…

Der Mann in der schwarzen Kutte fragte mit leiser Stimme:

„Chiara, wie geht es dir?“

Chiara erwachte aus ihrer Starre zum Leben. Steif antwortete sie:

„Danke, mir geht es gut. Wer seid Ihr?“

„Mein Name ist Luzifer und ich bin hier, um dich dorthin zu bringen, wo du die Prophezeiung erfüllen kannst.“

„Aber versteht Ihr denn nicht, ich will nicht weg! Was soll überhaupt diese ganze Prophezeiung? Meine Eltern“, Chiara verwendete bewusst diese Anrede, denn sie hatte ihr zuhause noch nicht aufgegeben, „erzählten mir davon, doch ich glaube, Ihr irrt euch. Ich bin nicht die Retterin, die Auserwählte. Ich habe keinerlei besondere Fähigkeiten. Weder kann ich mit Tieren sprechen, noch kann ich kämpfen, und das muss ich doch zweifelsohne. Was wäre ich für eine ‚Retterin’, wenn ich nur auf meinem Thron sitze und nicht einmal die Soldaten zum Sieg führen kann. Nein, ich bin mir ganz sicher, ich kann die Auserwählte gar nicht sein. Warum also soll gerade ich versuchen, die Prophezeiung zu erfüllen, warum kann das nicht jemand anderes machen? Ich kann nicht viel Tun, ich bin wie jedes Mädchen erzogen worden, ich kann gut kochen und nähen, aber ich entspreche ganz bestimmt nicht Euren Vorstellungen.“

Herausfordernd blickte Chiara Luzifer an, doch dieser störte sich nicht an ihrem Redeschwall. Ruhig sah er Chiara an. Er setzte zu einer Antwort an, schloss jedoch sofort wieder den Mund und versuchte, Chiaras Geist in Einklang zu bringen.

„Warum seht Ihr mich so an? Was soll das überhaupt? Ich will nicht weg und Ihr könnt mich auch nicht zwingen! Ich will die Prophezeiung gar nicht erfüllen und es ist mir egal, was es für eine Prophezeiung ist, ich werde sie nicht erfüllen!“

Nachdem Chiara ihre Wut ausgelassen hatte, keuchte sie und setzte sich wieder auf ihren Stuhl, den sie im Eifer umgeworfen hatte.

„Ich hatte nichts anderes erwartet“, sagte Luzifer leise und nahm seine Kapuze ab. Zum Vorschein kam ein junges Gesicht, das aber tiefe Furchen der Sorge vorzeigte. Sein dunkelblondes Haar fiel ihm in die Augen, doch noch immer sah er Chiara ruhig an.

„Bevor du dich wirklich entscheidest, solltest du mehr über dein Schicksal und die Prophezeiung erfahren. Wie dir deine Zieheltern schon mitteilten, bist du nicht ihre leibliche Tochter, auch wenn sie dich wie eine leibliche lieben. Du bist die Tochter von der Elfenkönigin Finia, die im Westen regiert, und König Leoton, der mit seiner Frau und seinen anderen Kinder im Osten lebt. Es war vorbestimmt, dass dies deine wahren Eltern sind. Allerdings konntest du nicht bei ihnen aufwachsen, da unsere Feinde dich dort zu leicht finden konnten. Also schickten Jean und ich dich zu Fürst Misslendro, deinem Ziehvater. Bisher hast du hier auch ein glückliches Leben geführt, wie sie mir berichteten. Allerdings ist nun die Zeit da, um dich in die Geheimnisse der Prophezeiung einzuweihen. Die Prophezeiung wurde vor vielen Jahrtausenden von zwei Geschwistern, Alcathwen und Alcathiel, aufgeschrieben, doch sie existiert seit Anbeginn unserer Welt. Sie entstammt einer Vision, die eine Priesterin der höchsten Göttin von IHR empfangen hatte. Es war in der Nacht als König Telkal uns verriet. Er hat unser Land verraten, dieser Bastard, und ist zu den Dunklen Lords, den Jezlorn, übergelaufen. Er hat seine Seele für das Ewige Leben an sie verkauft und wollte leben wie die Götter. Die Priesterin hatte lange Zeit Angst vor ihrer Vision, erst als sie im Sterben lag, übergab sie ihre schwere Bürde einer jüngeren Priesterin. Und so setzte sich das Ganze fort, bis Alcathwen und Alcathiel sich entschlossen, die Prophezeiung für die Nachwelt aufzuschreiben. Seitdem haben viele Gelehrte und Philosophen sich den Kopf über die rätselhaften Worte zerbrochen, doch noch immer ist ein erschreckend großer Teil nicht entziffert. Doch wir sind uns inzwischen sicher, dass du die Auserwählte bist. Nur du und Gladur könnt uns noch helfen. Du bist nicht die einzige, die die Prophezeiung erfüllen muss. Am gleichen Tag, als du geboren wurdest, kam auch Gladur zur Welt. Seine Eltern sind die Königin Balefta aus dem Norden und der König Hieronymus aus dem Süden. Verstehst du? Ihr seid die zwei Kinder des ganzen Reiches. Ost und West, Nord und Süd. Ihr seid die einzigen, die unser aller Leben retten können.“

Luzifer sah Chiara eindringlich an, dann fuhr er fort:

„Ich kann dich zu nichts zwingen, aber wie ich schon sagte, will einer von euch beiden nicht seiner Bestimmung folgen, werden wir alle sterben. Auch du.“

Lange schloss Chiara ihre Augen, und plötzlich konnte sie es sehen. Schnelle Bilder in einer Reihenfolge, die sie nicht verstand. Sie konnte fast nichts erkennen. Aber eines setzte sich in ihrem Herzen fest. Während die Reichen Feste feiern, leidet das einfach Volk unter hohen Steuerabgaben, Unterdrückung und Krieg. Plötzlich schreckte Chiara hoch. War das eben Wirklichkeit gewesen oder nur eine Vision? Als sie sich genauer umsah, bemerkte sie, dass Luzifer nicht zu sehen war. Sie hörte nur noch ein leises Wispern:

„Tu es für mich – für uns alle!“

Was war das für ein Flüstern gewesen? Chiara wusste es nicht, aber plötzlich spürte sie eine warme Hand auf ihrer Schulter, die ihr Kraft spendete und Hoffnung gab. Doch als sie sich umdrehte, war niemand zu sehen. Aber Chiara hatte sich bereits entschieden, und so ging sie entschlossen auf den Hof hinaus. Laut sagte sie:

„Ich habe mich entschieden. Ich werde mit Euch gehen, wohin Ihr mich auch führt. Was darf ich mit auf die Reise nehmen?“, fragte sie Luzifer, dieser antwortete:

„Wenn du deine Familie nicht gefährden willst, lass alles hier und nimm nur mit, was du selbst tragen kannst.“

Chiara war fassungslos, aber sie fügte sich, wenn auch widerstrebend. In ihrem Zimmer packte sie einige Kleidungsstücke in eine Satteltasche. Nachdem sie dies erledigt hatte, ging sie noch ein letztes Mal an ihr geliebtes Fenster, um den Sonnenuntergang zu genießen. Luzifer hatte ihr erklärt, dass es sicherer wäre, nachts zu reiten. Wieder fügte sich Chiara ohne Protest. Aber als sie so am Fenster stand, schwor sie sich irgendwann zurückzukehren - tot oder lebendig.

Nach vielen Umarmungen und Verabschiedungen von ihren Zieheltern und Fapy, schwang sich Chiara fest entschlossen, wieder zurückzukehren, auf Makash´s Rücken und trabte hinter Luzifer aus dem Hof hinaus. Ein letztes Mal drehte sie sich um und sah ihre Zieheltern mit Fapy dicht aneinander gedrängt winken sehen. Chiara schnürte es die Kehle zu, doch sie schluckte den dicken Kloß, der entstand, entschlossen hinunter. Was auch immer sie erwarten würde, sie würde es versuchen, wenn sie damit das Leben ihrer Familie und vieler anderer retten konnte, wollte sie es wenigstens versuchen.

Chiara und Luzifer ritten die ganze Nacht hindurch und kamen beim Morgengrauen in einem kleinen Dorf an. Erschöpft ließ sich Chiara aus dem Sattel gleiten und tätschelte Makash´s Hals. Luzifer ging bestimmt auf ein kleines windschiefes Häuschen zu und sagte:

„Hier werden wir bleiben, bis es Neuigkeiten von Jean gibt.“

Etwas skeptisch betrachtete Chiara das Häuschen und fragte sich, wo wohl die Pferde untergebracht werden sollten, da das Haus anscheinend über keinen Stall verfügte. Während Chiara über dies nachdachte ging sie mit Makash am Zügel hinter Luzifer her, der sie in eine Seitenstraße führte.

„Aber ich dachte wir wollten hier bleiben, warum gehen wir dann jetzt weg?“, fragte Chiara und Luzifer antwortete:

„Man kann den Hof des Hauses nur durch diese Straße erreichen. Da wären wir.“

Er bog von der schmalen Straße, die nicht gerade sauber war, in einen kleinen Hof der mit Ställen, einem Brunnen und einem kleinen Kräutergarten ausgestattet war. Doch was Chiara am meisten verwunderte, dass es in diesem Hof so viele wunderschöne Blumen gab. Sie liebte Blumen über alles und so gefiel es ihr gleich besser, hier bleiben zu müssen, auch wenn die Erinnerung an nach Hause schmerzte.

Aus dem windschiefen Haus war inzwischen eine bäuerlich angezogene Frau mit einem groben Leinenkleid herausgetreten und rief jetzt begeistert:

„Luzifer, da bist du ja endlich! Wir dachten schon, du kommst nicht zu uns. Oh“, Die Frau stand nun vor Luzifer und Chiara und sagte entschuldigend:

„Wie konnte ich es vergessen“, und kniete vor Chiara nieder. Dabei rutschten ihr ihre zwei dicken braunen geflochtenen Zöpfe über die Schultern.

Chiara aber errötete und sagte schnell:

„Ihr braucht nicht vor mir zu knien, ich bin doch keine Königstochter. Erhebt euch“, doch während sie diese Worte sprach, wurde ihr klar, dass sie eine Königstochter war. Aber mittlerweile hatte sich die Frau schwer keuchend und mit Hilfe von Luzifer erhoben, während sie murmelte:

„Langsam werde ich alt.“ Danach sagte sie wieder fröhlicher, „ Kommt mit ins Haus, ich mache euch etwas zu essen und zeige Euch Eure Zimmer. Die Pferde könnt ihr hier anbinden, Eylin wird sich um sie kümmern. Eylin! Versorg die Pferde von Luzifer!“ Aus dem Haus kam ein Mädchen mit blasser Haut und kupferroten haaren, das etwa 15 Jahre alt sein musste, gerannt und rief aufgeregt:

„Hast du Luzifer gesagt? Willkommen“, sagte sie nun vornehmer und als sie Chiara sah, wurden ihre Augen groß, doch sie besann sich und machte wie vorher auch ihre Mutter einen tiefen Knicks vor Chiara. Wieder errötete diese und bat Eylin, sich aufzurichten. Chiara übergab ihr die Zügel und Eylin tätschelte liebevoll Makash´s Hals. Auch Luzifer hatte sein Pferd abgegeben und ging hinter der Bäuerin in das Haus hinein.

„Pass gut auf Makash auf, sie ist etwas temperamentvoll.“ Sagte Chiara noch schnell zu Eylin, bevor sie Luzifer ins Haus folgte.

Inzwischen war es schon Morgen und Chiara spürte Hunger in ihrem Bauch aufkommen. So war es ihr nur recht, als die Bäuerin, die Aria hieß, das Frühstück zubereitete. Luzifer und Aria unterhielten sich und Chiara hörte aufmerksam und still zu, denn zu Hause wurde sie immer auf ihr Zimmer geschickt, da sie nicht mitreden durfte. Hier aber erfuhr sie mehr über das, was sie am meisten wissen wollte.

Während Aria die Suppe über der Feuerstelle umrührte, fragte sie:

„Gibt es Neuigkeiten? Du weißt, Luzifer, bis wir etwas erfahren, ist es meist nicht richtig und verfälscht. Wo ist überhaupt Jean, ich dachte, ihr trennt euch nicht auf eurem Weg?“

„Es ließ sich nicht vermeiden. Wir haben weniger Zeit, die beiden auszubilden, als wir anfangs dachten. Also mussten wir uns aufteilen, ich holte Chiara, Jean machte sich auf den Weg zu Gladur. Mittlerweile hat sie auch ihm erzählt, was ihm und Chiara bevorsteht.“

„Wird er es versuchen?“ fragte Aria dazwischen.

„Er sagte, er werde es versuchen, auch wenn Chiara ihm nicht helfen will. Aber du weißt, beide müssen alles in ihrer Macht stehende tun, um das Reich zu retten.“

Aria hatte inzwischen die einfachen Schalen aus Holz mit der dampfenden Suppe gefüllt und reichte eine davon Chiara.

„Lass es dir schmecken, Chiara“, Sie lächelte ihr freundlich an, „ Du auch, Luzifer. Erzählt, wo werdet ihr euch mit Gladur und Jean treffen?“

Luzifer antwortete:

„Es tut mir Leid, Aria, aber ich kann dir nichts sagen. Man weiß nie, wie stark ein Mensch ist, wenn er gefangen und gefoltert wird. Aber mach dir keine Sorgen. Chiara ist stark, sie hat allerdings noch keine Ausbildung. Doch Jean und ich werden alles versuchen, das weißt du. Mehr kann ich dir nicht sagen. Du weißt auch, wie viele von unseren Freunden schon unter der Last des Wissens zusammengebrochen sind und uns verraten haben.“

Luzifer brach ab und nahm einen Löffel Suppe, danach sagte er wie ausgewechselt:

„Deine Suppe ist immer noch die beste, Aria. Ich verstehe wirklich nicht, warum du kein großes Gasthaus führst. Verdienst du hier überhaupt etwas?“

Bevor Aria antworten konnte, kam Eylin laut singend durch die Tür.

„Die Pferde sind versorgt. Bekomme ich jetzt auch etwas zu essen?“ Gierig lugte Eylin auf den großen Topf, der noch fast voll war.

„Natürlich bekommst du etwas, aber wasche dir erst deine Hände“, befahl Aria ihrer Tochter.

Nachdem alle gegessen hatten, stiegen Luzifer und Chiara die steilen Stufen in ihre Zimmer hinauf. Oben angekommen, hielt Luzifer Chiara leicht am Arm fest:

„Wenn es dir zu viel wird oder wenn du Angst bekommst, kannst du gerne zu mir kommen, ich lasse meine Türe offen.“

Chiara nickte nur stumm und öffnete die Tür zu ihrem Zimmer. Das Zimmer war nicht besonders groß, aber es hatte bequem ein einfaches Bett Platz. Gegenüber dem Bett stand eine alte Holztruhe, die aber mit einem festen Eisenschloss verschlossen war. Erschöpft ließ sich Chiara auf das harte einfache Bett fallen und schloss sofort die Augen.

Unsanft wurde Chiara gerüttelt und geschüttelt. Als sie die Augen öffnete, konnte sie Luzifers Gesicht erkennen. Er presste seine Hand fest auf Chiara´s Mund, damit sie nicht schrie. Leise flüsterte er:

„Ich habe eine Nachricht von Jean bekommen, wir müssen schnell weiter reiten. Gut, dass du dich nicht ausgezogen hast, so kommen wir jetzt schneller vorwärts. Eylin sattelt inzwischen unsere Pferde und Aria packt unsere Satteltaschen. Komm“

Auf Zehenspitzen führte Luzifer Chiara an der Hand die enge Treppe hinunter in die Küche, in der es durch die Feuerstelle mollig warm war. Diese Wärme lockte Chiara zum einnicken, aber diese hatte begriffen, dass etwas passiert sein musste, denn alle waren in größter Aufregung.

Endlich waren die Pferde gesattelt und die Taschen gepackt und so konnten Luzifer und Chiara los reiten.

Schon nach kurzer Zeit schmerzten Chiara´s Glieder, aber Luzifer lehnte alle Bitten um eine Pause ab. So ritten sie weiter im Galopp durch den grünen Laubwald. Plötzlich wieherte Makash aufgeregt und Chiara hatte Mühe sich im Sattel zu halten. Vor ihr preschte aus dem hohen Dickicht ein weißer Hengst und auf ihm saß ein Mädchen, das nicht viel jünger als Chiara sein musste. Mitten auf dem Weg hielt das Mädchen an und sah Luzifer und Chiara, die inzwischen auch stehen geblieben waren, feindselig an.

„Was fällt euch ein, ohne unsere Erlaubnis durch unseren Wald der Täuschung zu reiten? Das kann ich nicht dulden! Nehmt sie mit ins Lager!“ rief das Mädchen und wie aus dem Nichts tauchten plötzlich kleine Männer und Frauen aus den Tiefen des Waldes auf und zerrten Luzifer und Chiara von den Pferden. Verzweifelt rief Chiara:

„Luzifer! Hilf mir! Warum tun sie das? Warum nehmen sie uns mit?“

Aber Luzifer antwortete nicht, er war viel zu sehr mit den Kleinen Leuten beschäftigt die versuchten, ihn zu fesseln. Chiara´s Hände wurden mit einem groben Strick aus Baumrinde zusammengebunden, danach wurde sie durch das Dickicht gezogen, doch dabei fiel sie oft über Wurzeln und schlug sich dabei das Knie auf. Chiara riss einen Fetzen ihres Kleides ab, das inzwischen durch den Waldboden schon sehr dreckig war, und versuchte damit, das Bluten zu stillen. Doch die Wunde war schlimmer als sie dachte.

Endlich kamen sie im Lager an, denn Chiara roch den Duft von gebratenem Fleisch und Fisch, der in der Luft lag. Sie bemerkte, dass sie vor lauter Hektik heute noch nichts gegessen hatte. Deshalb knurrte wohl auch ihr Magen so heftig.

Chiara wurde unsanft zu einer kleinen Gruppe alter Frauen geschleppt. Unter ihnen befand sich auch das Mädchen vom Überfall, wie Chiara überrascht feststellte. Mit einem Stoß in die Knie fiel Chiara gezwungen vor das Mädchen, das nicht viel sauberer als sie selbst aussah. Neben ihr kniete Luzifer und ließ den Kopf hängen.

„Wie ist dein Name?“ herrschte das Mädchen Chiara an.

„Chiara...Tochter des Fürst Misslendro“ stotterte Chiara. Dass dieses Mädchen, das nicht viel älter als Chiara war, so befehlen konnte, hatte sie nicht gedacht. Aber nun schritt Luzifer ein:

„Oh nein, sie ist nicht Tochter des Fürsten Misslendro. Sie ist die Tochter von Königin Balefta und König Leoton. Ihr wisst sicherlich, was das heißt.“

Erschrocken starrte das Mädchen Chiara an, fasste sich aber schnell wieder:

„Und was habt ihr für einen Beweis? Woher soll ich und mein Volk wissen, ob Ihr die Wahrheit sprecht?“

Luzifer antwortete ruhig:

„In Chiara´s Satteltasche ist das Schwert, das von den Elfen und Feen vor langer zeit geschmiedet wurde, überzeugt Euch selbst.“

Das Mädchen wurde blass, winkte aber sogleich zwei Frauen heran und befahl ihnen, die Satteltaschen zu bringen.

Chiara blickte nervös von Luzifer zu dem Mädchen; schließlich wagte sie es, zu fragen:

„Wer seid Ihr? Wie ist Euer Name?“

Das Mädchen schien nachgedacht zu haben, denn es zuckte zusammen, beherrschte sich dann aber und antwortete:

„Ich bin Königin Tyra und regiere mit meiner Schwester Kyra gemeinsam das Volk der Waldonhien. Aber meine Schwester wurde an der Front im Krieg gebraucht, deshalb vertrete ich sie, so gut ich kann.“

Nach einer Pause sprach Tyra wieder ihren Befehlston, als die beiden Frauen zurückkehrten und ihrer Königin etwas ins Ohr flüsterten:

„Es wurde kein Schwert gefunden. Deshalb werde ich euch hinrichten lassen. Das Volk der Waldonhien belügt man nicht.“

„Wenn ihr mich das Schwert suchen lasst, werde ich es bestimmt finden.“, sagte Luzifer schnell, als er bemerkte, dass Tyra gehen wollte.

„Versucht es“, gab Tyra nach, „aber macht Euch nicht allzu große Hoffnungen, Ihr werdet es nicht finden.“

Damit ging Tyra in die größte der Hütten, ohne sich noch einmal umzudrehen.

„Komm, Chiara. Ich habe mir schon gedacht, dass sie es nicht finden werden, obwohl die Waldonhier gründliche Menschen sind. Denn nur in deiner Gegenwart zeigt das Schwert seine wahre Gestalt.“

Verblüfft folgte Chiara Luzifer und als sie in Makash´s Satteltasche griff, spürte sie kühles Eisen zwischen ihren Fingern. Aufmunternd nickte Luzifer ihr zu und Chiara zog mit einem Schwung das Schwert heraus. Im Licht, das durch das dichte Blätterwerk leuchtete, glänzte und blitzte das Schwert in Chiaras Hand. Plötzlich waren alle verstummt, selbst die Vögel hatten ihren Gesang unterbrochen.

Aus der Hütte trat wieder Tyra und als sie das Schwert sah, ließ sie sich mit einem Ruck auf die Knie fallen. Ein Raunen ging durch  die Menge und plötzlich kauerten alle vor Chiara auf dem Boden. Selbst Luzifer hatte das Knie gebeugt und den Kopf ehrfürchtig gesenkt. Chiara errötete und wollte das Schwert zur Seite legen, als sie einen leichten Windstoß spürte. Und sie roch etwas – angewidert verzog sie das Gesicht.

Jetzt hatten auch die Waldonhier den Gestank wahrgenommen und richteten sich wieder auf.

Chiara blickte Tyra fragend an, diese aber sagte nur:

„Eure Majestät, Luzifer, folgt mir bitte.“

Chiara wurde von zwei jungen Frauen in die Mitte genommen und so in die Hütte geführt, aus der vorher Tyra herausgetreten war.

Chiaras Augen gewöhnten sich schnell an das schummrige Licht im Innern der Hütte und sie sah sich um. In der Mitte war eine Feuerstelle, auf der ein großer Topf mit Suppe kochte.

„Setzt euch“, bat Tyra und Chiara ließ sich auf die eine, Luzifer auf die andere Seite von Tyra nieder. Es wurden Holzschüsseln mit dampfender Suppe ausgeteilt und Chiara´s Wunde am Knie wurde versorgt. Einen Moment lang war alles ruhig, schließlich sagte Tyra:

„Ich habe eine Nachricht von meiner Schwester Kyra bekommen. Wir konnten die Angreifer abwehren, aber es wurden viele getötet und verwundet. Kyra wird morgen Abend wieder hier sein. Deshalb habe ich mich entschlossen, mit Euch zu ziehen, um Euch im Kampf zu helfen. Das heißt, wenn Ihr es erlaubt.“

Tyra senkte den Kopf, doch Luzifer sah sie wissend an. Chiara war sehr erstaunt über dieses Angebot und wusste nicht, was sie darauf antworten sollte. Doch sie musste gar nichts sagen, denn Luzifer lächelte und erklärte:

„Tyra, Ihr seid eine tapfere Kämpferin und eine hervorragende Führerin. Wir würden uns sehr freuen, wenn Ihr uns durch euren Wald begleitet und uns auf unserem Weg zu Jean und Gladur begleitet.“

Tyra sah auf und antwortete:

„Es wird mir eine Ehre sein, Euch begleiten zu dürfen.“

Chiara war fasziniert von dem Geschehen, so dass sie nicht bemerkte, dass eine Frau in die Hütte kam und aufgeregt etwas in Tyras Ohr flüsterte. Luzifer sah besorgt Chiara an und wandte sich sogleich an Tyra:

„Was ist geschehen?“

„Unsere Kundschafter berichten, dass die Dekson an der Ostgrenze unseren Wald überschritten haben. Sie haben Euch gefunden.“, antwortete Tyra mit ängstlicher Stimme, „wir müssen fliehen. Sie werden ungefähr einen Tag bis zum Lager brauchen, allerdings können die Dekson auch schon früher hier sein. Mein Volk wird auch aufbrechen, wir bleiben nie lange an einem Ort. Ich habe alles schon veranlasst.“

Nun erhoben sich alle, die in der Hütte gesessen hatten und beeilten sich, um alles Nötige vorzubereiten. Chiara ging zu Makash, als ihr etwas einfiel. Schnell lief sie in die Hütte zurück. Da lag es – das Schwert, das die Elfen und Feen vor langer zeit geschaffen hatten. Chiara hob es rasch vom Boden auf und betrachtete interessiert die scharfe Klinge. Sie hoffte, dass Gladur gut damit umgehen konnte, denn sonst hatte das hier alles keinen Sinn. Wenn er nicht für das Land kämpfen konnte, waren sie alle verloren.

Chiara rannte zurück zu Makash, Luzifer wartete schon ungeduldig auf sie. Ohne ein Wort zu sagen, verstaute er das Schwert in der Satteltasche und stieg auf sein Pferd. Chiara schwang sich auf Makash´s Rücken, als Tyra auf ihrem weißen Hengst auf sie zukam.

„Ich werde Euch den Weg zeigen, Eure Majestät. Kommt, wir müssen uns beeilen.“, sagte sie und ritt auf einem kleinen Pfad vom Lager in den Wald hinein, dicht gefolgt von Luzifer und Chiara.

Inzwischen war es schon fast Mittag und Chiara glaubte, sie würde gleich aus dem Sattel fallen. Sie war unendlich müde und erschöpft.

Als die Schatten immer länger wurden und Chiara es schließlich nicht mehr aushielt, bat sie um eine Pause. Nur widerwillig hielt Tyra an und ließ sich aus dem Sattel gleiten.

„Hier werden wir bleiben. Ich werde versuchen, etwas Essbares zu suchen.“

Verblüfft fragte Chiara: „Aber wir haben doch Vorräte von Eurem Volk. Wir müssen nichts suchen.“

„Wir müssen sparsam sein. Vor uns liegt noch ein weiter Weg und wer weiß, wo wir morgen sind?“, antwortete Tyra. Das leuchtete auch Chiara ein und sie gab nach. Während Tyra Nahrung suchte, versorgten Luzifer und Chiara die Pferde und ließen sie aus einem kleinen Bach Wasser trinken. Sie legten die Decken aus, die sie zum Schlafen benötigten und sattelten die Pferde ab und banden sie an einem stabilen Ast an.

Gerade als Chiara die Zügel der Pferde mit einem festen Knoten am Ast festzurrte, kam Tyra von ihrer Suche zurück. Sie breitete ihre Beute vor Chiara und Luzifer aus, die hungrig die Beeren ansahen.

„Das nennst du Essen?“, fragte Chiara enttäuscht und sah angewidert auf die halb verdorrten Beeren und die kleinen Wildfrüchte.

„Daran musst du dich wohl gewöhnen, wenn du nicht verhungern willst“, antwortete Tyra energisch, danach sagte sie:

„Oh, Entschuldigung, ich meinte natürlich, Eure Majestät.“

Aber es hörte sich nicht sehr danach an, als ob dies wirklich ernst gemeint war. Chiara errötete wieder, sagte diesmal aber:

„Warum ‚Eure Majestät’? Ich bin doch auch nur ein Mädchen, das versucht, das Richtige zu tun und zu überleben. Nenn mich Chiara, bitte.“

Mit einem schnellen Blick zu Luzifer erkannte Chiara, dass sie das Richtige getan hatte. Wohlwollend nickte Luzifer Tyra zu. Erwartungsvoll blickte Chiara in die harten rehbraunen Augen von Tyra, die hin- und hergerissen war. Schließlich verschwand der harte Ausdruck und die Spannung von Tyras Gesicht und sie lächelte schüchtern:

„Vielen Dank, das ist eine große Ehre für mich.“

Verlegen nahm sie die Beeren und zermahlte sie mit einem Stein in einer kleinen Schale zu Brei. Dann fügte sie die Wildfrüchte hinzu. Inzwischen war die Sonne gesunken und die Nacht legte sich auf den Wald wie ein  schützender Mantel.

Chiara wäre gerne noch lange mit Tyra zusammen gesessen und hätte mit ihr geredet, doch Luzifer verbot es ihnen. Stattdessen kuschelten sie sich in ihre warmen Decken, weil es kalt wurde und sie wegen den Verfolgern lieber kein Feuer anzündeten. Erschöpft schloss Chiara die Augen und fiel in einen traumlosen, tiefen Schlaf.

Durch das Pfeifen der Vögel geweckt, öffnete Chiara die Augen und wusste im ersten Moment nicht, wo sie sich befand. Doch dann sickerte die Erinnerung in ihren Verstand und sie richtete sich auf. Nachdem sie sich an dem kleinen Wildbach gewaschen hatte, kehrte sie zum Lager zurück. Inzwischen waren auch Luzifer und Tyra aufgewacht und bereiteten ein Frühstück aus Beeren und Kräutern zu. Während Chiara versuchte, ihr Haar zu bändigen, das durch den hektischen Aufbruch der Reise sehr wild aussah und ihr vom Kopf weg stand, sah sie den beiden zu. Doch es war nichts zu machen – Chiaras Haare waren einfach nicht zu bändigen. Genervt drehte Tyra sich zu ihr um und sagte:

„Deine Haare sind total verfilzt. Wenn du nicht als wandelnde Flohbehausung enden willst, musst du sie abschneiden.“

Luzifer pflichtete ihr bei:

„Du hast selbst gesagt, dass du kämpfen willst. Aber wenn du es schaffen willst, musst du deine Haare abschneiden, sie sind dir nur im Weg. Außerdem können wir dann besser reisen, da man dich nicht mehr so  leicht erkennen kann.“

Entsetzt sah Chiara die beiden an. Sie war immer sehr stolz auf ihre Haarpracht gewesen und ließ sich die Haare lang wachsen, seit sie denken konnte. Schließlich gab sie nach:

„Na gut, ihr habt Recht. Sie sind nur hinderlich. Tyra, kannst du mir helfen, sie abzuschneiden?“

Vorsichtig betastete Chiara den Rest ihres einst langen Haares. Luzifer nickte nur kurz, dann wandte er sich an Tyra, um mit ihr das weitere Vorgehen zu besprechen. Nachdem sie gegessen hatten, bepackten sie die Pferde und Chiara versuchte, die Spuren des Lagers unkenntlich zu machen. Doch es war nichts zu machen, immer noch konnte man erkennen, wo sie geschlafen hatten. Mutlos gab Chiara schließlich auf, es hatte ja doch keinen Sinn. Als Luzifer dies sah, sagte er zu ihr:

„Chiara, wenn du etwas erreichen willst, musst du darum kämpfen und nicht gleich aufgeben. Eigentlich darf ich es dir noch nicht zeigen, aber ich will, dass du weißt, dass es immer einen Weg gibt. Sieh her“ Luzifer holte das Schwert aus der Satteltasche und zog es aus der Scheide. Silbrig glänzte die scharfe Klinge im Halbschatten. Wie verzaubert betrachtete Chiara den schönen in Leder gebundenen Griff, und die mit reichen Verzierungen geschmückte Klinge. Das ganze Schwert sah so unwirklich, so verzaubert und doch so vertraut aus, als hätte Chiara es schon immer besessen.

Luzifer nahm die mit Stickereien verzierte Scheide und gab sie Chiara. Diese aber befühlte nur begeistert den weichen roten Samt, denn obwohl sie als Tochter eines Fürsten gelebt hatte, war sie als einfaches Kind erzogen worden, in der weisen Voraussicht ihrer Zieheltern, die schon damals wussten, dass sie Chiara auf eine sehr schwere Zeit vorbereiteten.

„Nimm die Hülle in deine rechte Hand, schließe deine Augen und sage dir immer in Gedanken vor, dass die Spuren verschwinden mögen.“

Nicht sehr zuversichtlich schloss Chiara die Augen und sagte sich immer den einen Satz vor. Plötzlich spürte sie einen kleinen Windhauch und sie glaubte sogar, dass sie etwas an der Schulter berührt habe, so als sie vor der Entscheidung stand, mit Luzifer zu gehen. Langsam öffnet sie wieder ihre Augen und sieht – nichts. Ein helles gleißendes Licht blendet sie so stark, dass sie widerwillig und vor Schmerzen wieder die Augen schließen muss. Plötzlich fühlt sie eine unbändige Kälte und erschrocken öffnet Chiara ihre Augen. Entsetzt blickt sie auf das endlose weite Nichts. Alles um sie herum ist weiß und glitzert wie tausend Diamanten. Chiara weiß nicht, wo sie sich befindet und verzweifelt sieht sie sich nach Hilfe um. Keine zehn Schritte von ihr entfernt sieht sie einen schwarzen Hengst und eine braune Fuchsstute mit ihren Reitern. Auf dem Hengst sitzt eine in dunkelrote Gewänder gekleidete große Gestalt, von der man allerdings nur die Augen erkennen kann. Undurchdringliche stechend grüne Augen blicken Chiara abschätzend an, dann wendet sich die Gestalt dem anderen Reiter zu.

„Hast du das eben auch gerade gehört? Hier ist jemand – ich spüre es ganz genau. Bleib dicht bei mir und sollte es zu einem Kampf kommen, reite weitere zwei Tage nach Süden, dann wirst du bald an einen See kommen, der aber den Eindruck erweckt, es sei ein Meer. Setze dort zur Insel über, dort wird dir Zuflucht gewährt werden. Bitte dort um einen Boten, um Luzifer bescheid zu geben, dass du dort bist. Bist du bereit?“

Während die eingemummte Gestalt mit tiefer melodischer Stimme zu dem Reiter sprach, zog sie einen kleinen Bogen hervor, der aber mit nicht zu unterschätzenden spitzen Pfeilen bestückt war, und brachte sich in Position.

Während all das geschieht, ist Chiara nicht im Stande, sich zu bewegen oder auch nur einen klaren Gedanken fassen zu können. In ihrem Kopf bilden ihre Gedanken einen Wirbelsturm aus irgendwelchen merkwürdigen Worten, die keinen Sinn ergeben.

Inzwischen haben sich die beiden Reiter wieder in Bewegung gesetzt, jedoch reiten sie langsam und vorsichtig, um in keinen Hinterhalt zu geraten. Plötzlich stoßt die Gestalt mit dem Bogen einen schrillen Schrei aus und prescht in schnellem Galopp auf Chiara zu.

„Nein!“

Mit entsetzen schreckte Chiara auf.

„Wie gut, dass dir nichts passiert ist! Wie fühlst du dich?“ Besorgt beugte sich Tyra über die am Boden liegende Chiara, die erschöpft und vor Anstrengung keuchte.

„Ich glaube, es geht wieder besser. Was ist passiert?“ fragte Chiara sichtlich verwirrt.

Luzifer half ihr aufzustehen und erklärte ihr:

„Nachdem du deine Augen geschlossen hattest, bist du plötzlich zusammengebrochen. Tyra wollte dich zuerst aufwecken, doch das wäre das schlimmste für dich gewesen. Ich hätte wissen müssen, dass du noch nicht gut genug ausgebildet bist, um auch nur in Verbindung mit Gladur zu treten. Aber erzähle uns, was du gesehen hast.“

Langsam und mit einigen kleinen Pausen erzählte Chiara von ihrem Erlebnis mit den beiden Reitern. Tyra runzelte besorgt die Stirn und ließ Chiara während des Erzählens nicht aus den Augen. Nach dem diese geendet hatte, zitterte sie immer noch leicht und ein leiser Schauer lief ihr über den Rücken. Aber inzwischen verwandelte sich Tyras anfängliche Furcht in Zorn. Wütend fuhr sie Luzifer an:

„Warum hast du ihr schon gezeigt, wie man die Macht nutzen kann? Wir wissen noch nicht einmal, ob sie die Wahrheit spricht oder ob sie noch nicht von Dekson heimgesucht wurde! Was ist, wenn sie uns nur ausspioniert? Was sollen wir denn dann tun? Wie konntest du das zulassen? Unsere Spuren sind jetzt zwar beseitigt, aber was bringt uns das?“

Mit funkelnden Augen war Tyra immer näher an Luzifer herangetreten. Doch Luzifer sah sie nur mit seinen unergründlichen blauen Augen ruhig an, und als er nicht auf Tyras herausfordernden Blick reagierte, wurde es Tyra zu viel und sie schrie:

"Warum hat man gerade dich auserwählt, um die beiden Königskinder zu erziehen? Du bist es nicht wert! Du handelst leichtsinnig wie ein kleines Kind, ohne zu bedenken, was du mit dieser Entscheidung auslösen könntest. Denn du hast durch dein unüberlegtes Handeln mein Volk in Gefahr gebracht. Du und Jean verpflichtet uns dazu, uns mit euch verbünden, aber ihr bedenkt dabei nicht, dass viele eine Familie haben und nicht alle so großen Mut und Willen haben wie ihr."

Entschlossen drehte sie sich um und wollte sich in den Sattel schwingen, als plötzlich Chiara wieder zu sich kam und zu Tyra trat.

"Tyra, ich kann dich sehr gut verstehen, denn auch ich habe Angst um meine Familie und mein Leben. Aber wie willst du dein Volk regieren, wenn es dein Volk dann nicht mehr gibt? Was bleibt uns denn für eine andere Möglichkeit übrig, als zu kämpfen, damit unsere Kinder nicht in dieser Welt aufwachsen, wie wir sie erleben?" Als Chiara sah, dass Tyra stehen blieb und sich zu ihr umdrehte, fasste sie neuen Mut und sagte entschlossen weiter: "Und ich bin mir auch sicher, wenn du Gladur und mir helfen willst, können wir auch etwas gemeinsam erreichen. Doch wir können nichts schaffen, wenn wir uns vor unserer Bestimmung verstecken. Irgendwann wird es doch eintreten und du weißt das genauso gut wie ich. Es kann sein, dass Luzifer mir zu früh die Macht des Schwertes gezeigt hat, aber früher oder später hätte ich diese Erfahrung irgendwann einmal durchmachen müssen. Und warum nicht jetzt sondern später. Außerdem glaube ich, wir sollten uns langsam auf den Weg machen. Aber ich kann dich natürlich nicht zwingen, mit uns zu kommen."

Chiara war inzwischen langsam näher an Tyra herangetreten und jetzt konnte sich die Anführerin der Waldonhier nicht mehr halten. Weinend schlang sie ihre Arme um Chiara und schluchzte:

"Ich habe doch nur Angst, einen Fehler zu machen. Was soll ich denn tun, wenn mein Volk untergeht? Ich will nicht verantwortlich sein, dass all unsere Bräuche und Heilkünste verloren gehen. Aber ich werde das alles nicht kampflos aufgeben. Wenn es bestimmt wurde, dass mein Volk ausgelöscht wird, will ich wenigstens noch um mein Leben kämpfen, damit sich später einmal alle daran erinnern können!" Sie wischte sich die Tränen aus den Augen, „Ich werde immer für dich da sein, das verspreche ich dir, Chiara. Und das bis zu meinem Tode. Dies gelobe ich bei all meinen Vorfahren und den Waldgeistern, dich ich und mein Volk verehren. Ich werde keine Schande über mein Volk bringen.“

Entschlossen löste sie die festgebundenen Zügel der Pferde und schaute fragend Luzifer an:

„Ich entschuldige mich für das, was ich gesagt habe, aber können wir jetzt endlich weiter? Uns bleibt nicht mehr viel Zeit. Wir müssen uns beeilen. Chiaras Vision nach zu schließen, befinden sich Jean und Gladur in Schwierigkeiten. Aber ihr sollt den Weg bestimmen."

Luzifer jedoch lächelte nur nachsichtig, bevor er antwortete:

„Tyra, ihr seid eine gute Herrscherin über euer kleines Volk und kämpft besser als ein gewöhnlicher Soldat. Doch denke daran, dass ich dich immer an dein Versprechen erinnern werde. Vergiss es nicht.“

Mit einem dankbarem Blick wurde Luzifer von Tyra für seine Worte belohnt. Schnell schwangen sich die drei  auf ihre Pferde und galoppierten weiter durch den unendlichen grünen Wald.

 

Währendessen, viele Tagesritte entfernt, gluckerte frisch und munter ein kleiner Fluss, als sich plötzlich ein dunkler Schatten über das Wasser legte. Eine Hochaufgewachsene Gestalt saß auf einem starken fuchsbraunem Hengst. Die Gestalt nahm die Kapuze herunter und zum Vorschein kam ein älteres Gesicht von etwa 40 Sommern, das von tiefen Furchen geprägt war. Aber die Augen waren von einem umso intensiveren Braun; die Farbe des Waldbodens unter ihren Füßen. Keine Spur von Kälte war in den beiden flinken Augen zu finden, nur unendliche Wärme und Freude. Die dunkelbraunen Haare waren zu einem langen lockeren Zopf gebunden worden, doch einige vorwitzige Haarsträhnen waren heraus gefallen und durch den Ritt standen sie etwas wirr vom Kopf ab. Elegant ließ die Gestalt sich aus dem Sattel gleiten und atmete genießerisch die frische Luft ein. Jetzt konnte man auch erkennen, dass die Frau unter dem schützenden Mantel weder ein Kleid, noch ein Unterkleid trug. Die Gestalt war mit dunklen Hosen aus Leder bekleidet, doch unerkennbar war es eine Frau.

„Nefaratowen!“

Die Frau schreckte auf, hatte sie doch nicht bemerkt, dass ein kleines Mädchen sich genähert hatte.

„Werden wir hier bleiben?“ Ängstlich sah sich das Mädchen um und die Frau, die anscheinend Nefaratowen hieß, lächelte gütig und bedeutete dem Kind, näher zu treten.

„Ich bin mir sicher, dass wir hier genug zu essen finden werden. Auch die Dekson, die Krieger des Bösen, werden uns hier nicht entdecken können.“

„Bist du dir auch ganz sicher? Ich habe Angst, dass...“ Das kleine Mädchen mit den zwei dunkelblonden geflochtenen Zöpfen stockte und schließlich kullerten zwei dicke Tränen über ihre Wangen.

Nefaratowen kniete sich zu dem Kind hinunter und sagte besänftigend:

„Minry, was mit deiner Familie geschehen ist, ist schrecklich und eines Tage wird diese Untat auch gerächt werden. Aber es ist wichtig, dass du jetzt stark bist, wie es sich für ein Mitglied der Amazonen gehört. Was auch immer du vorhast, ich werde versuchen, dich dabei so gut ich kann zu unterstützen. Du weißt, dass deine Mutter, meine liebe Schwester, mir aufgetragen hat, mich um dich zu kümmern, bist du selbst für dich entscheiden kannst. Deine Mutter war nie wirklich eine von uns, viel zu früh hat sie sich von unserem Stamm abgewendet. Aber sie wusste immer, wo ihre Wurzeln waren und deshalb bist du hier. Ich wusste schon lange, dass dieser Tag kommen würde, denn ich besaß einst die Sehergabe, und schon vor vielen Jahren, als ich noch so jung war wie du, sah ich dein Schicksal. Doch heute habe ich die Gabe verloren...“ Nefaratowen machte eine kurze Pause und dachte einen Moment über ihre Worte nach, dann fuhr sie fort, „Ich habe mir nie gewünscht, dass meine Schwester und ihre Familie so einen grausamen Tod sterben müssen, ich habe sie alle geliebt, auch wenn die Familie deines Vaters meinen Stamm immer verachtet hat. Doch jetzt bist nur noch du da, die ich so lieben kann. Und es ist unser beider Bestimmung, jetzt miteinander zu leben und ich bin froh darum. Als Anführerin eines so gefürchteten Stammes hat man nicht viele Freunde. Und jetzt trockne deine Tränen. Deine Mutter wird immer bei dir sein, sie war einmal eine Amazone und die Göttin hat sie nicht vergessen. Deine Mutter wird dich begleiten. Doch auch sie kann dir dein Schicksal nicht abnehmen...“

Nefaratowens Stimme versagte und sie bedachte Minry nur noch mit einem letzten ernsten Blick, dann erhob sie sich und ging zurück zu ihrem Hengst. Inzwischen hatten die anderen Frauen des Stammes das Lager aufgebaut. Die Amazonen duldeten keine Männer in ihrem Stamm, außer ein paar kleinen Jungen, die im Chaos des Lagers fangen spielten. Doch auch sie wurden, sobald sie alt genug waren, ihren Vätern zurückgegeben, damit sie zu Krieger erzogen wurden. Die Mädchen allerdings blieben bei den Müttern und lernten von ihnen alles, was sie wissen mussten. Auch den Umgang mit Pfeil und Bogen, Schwert und Speer. Erst wenn sich die Mädchen im heiratsfähigen Alter befanden, konnten sie selbst entscheiden, ob sie beim Stamm bleiben oder sich einen Mann suchen wollten.

„Beeilt euch, es sieht nach Regen aus!“, spornte Nefaratowen ihre Frauen an, bevor sie Minry an die Hand nahm und in ein Zelt zum Schlafen zog. Minry musste noch sehr viel lernen und Nefaratowen wusste, dass für sie beide sehr schwierig werden würde.

 

Gerade als die Sonne sich durch einen blassroten Schimmer durch das dichte Blätterwerk ankündigte, wurde plötzlich das Dickicht immer weniger und kurz darauf standen Chiara, Luzifer und Tyra am Waldrand und ihnen bot sich ein wunderbarer Ausblick. Vor ihnen lag ein großer tiefblauer See, der ihr ganzes Blickfeld ausfüllte. In der Ferne konnte man im See eine große Insel ausmachen, doch es schien unmöglich, den See zu überqueren. Vor ihnen lag nur ein kleiner Sandstrand, der in die Fluten des Sees führte.

„Wie wollen wir denn da rüberkommen?“, fragte Chiara, die kurz davor war, aufzugeben. Sie waren den ganzen Tag und die ganze Nacht durchgeritten und sie musste aufpassen, nicht jeden Moment aus dem Sattel zu fallen, so müde und erschöpft war sie. Nie hätte sie gedacht, dass ihr das Reiten einmal lästig sein könnte. Sie tätschelte Makash´s Hals und blickte fragend Luzifer an. Dieser antwortete:

„Jetzt machen wir erst einmal Rast und wir werden hier auch übernachten. Morgen müssen wir dann sehen, ob der See auch noch so ruhig ist, wie jetzt. Hoffen wir, dass es so sein wird. Tyra, wärest du aber trotzdem so freundlich, nach etwas Essbaren zu suchen?“

Seit Tyras Beschuldigungen herrschte zwischen den beiden eisige Waffenstille, trotz Tyras Entschuldigung, doch die beiden versuchten, sich nichts anmerken zu lassen. Tyra nickte nur kurz, ließ sich aus dem Sattel gleiten und machte sich auf die Suche, indem sie wieder ein kleines Stück in den Wald ging, denn dort gab es Sträucher mit Beeren und essbare Wurzeln. Chiara und Luzifer begannen inzwischen, die Felle, die sie als Decken benutzten, auszubreiten und die Pferde mit Wasser aus dem See zu versorgen. Als Tyra wieder zurückkehrte, teilte sie das Essen aus. Chiara hatte sich mittlerweile schon so an die karge Nahrung gewöhnt, als hätte sie nie etwas anderes gegessen. So verzog sie auch keine Miene, als sich ein kleiner Wurm in einer ihrer Beeren befand. Plötzlich fühlte Chiara einen leichten Schwindel und Luzifers Gestalt verschwamm vor ihren Augen. Das letzte, was sie hörte, war ihr Name.

 

Der Regen trommelte auf das Zelt, doch daran war Nefaratowen gewöhnt. Dennoch wälzte sie sich unruhig hin und her. Keuchend schreckte sie plötzlich mitten in der Nacht auf. Sie wusste, im Schlaf hatte die Sehergabe sie überwältigt, obwohl sie glaubte, diese für immer verloren gehabt zu haben. Doch sie war sich auch sicher, dass es eine Vorahnung gewesen war, eine Warnung. Sie mussten so schnell es ging, aufbrechen. Sanft berührte sie Minry an der Schulter und blies ihr leicht die dunkelblonden Strähnen, die sich aus dem Zopf gelöst hatten, aus dem Gesicht. Verschlafen öffnete Minry die dunkelblauen Augen und blickte Nefaratowen fragend an.

„Zieh dich an, Minry, wir müssen aufbrechen. Ich hatte eine Vision.“

Minry wusste inzwischen, wenn die Stimme ihrer Tante so einen beschwörenden Unterton hatte, war wirklich höchste Eile geboten. Schnell zog sie sich ihre ledernen Hosen an und streifte sich, nachdem sie das leichte Unterhemd aus Leinen angezogen hatte, den festen Mantel darüber, der sie beim Reiten vor Wind und Wetter schützen würde.

Nefaratowen hatte bis dahin schon die restlichen Frauen aufgeweckt und diese eilten geschäftig im kleinen Lager umher, wobei sie kein Licht benötigten. Ihre Augen waren an Dunkelheit gewöhnt, denn sie verbrachten die quälenden Wintermonate in dunklen Höhlen des Eraldimat Gebirges.

Minry war erstaunt über die Schnelligkeit der Frauen, denn schon kurze Zeit, nachdem sie von Nefaratowen geweckt worden war, saß sie schon im Sattel. Nefaratowen ritt neben ihr, doch in der Dunkelheit konnte sie nur eine große Gestalt erkennen. Fast lautlos ritten sie über den kleinen Fluss und hinterließen dabei keinerlei Spuren.

 

„Chiara! Kannst du mich hören? Sag doch was!“ mit schrecken geweiteten Augen beugte sich Tyra über Chiara, doch diese lag nur blass und mit geschlossenen Augen auf dem Boden. Sie war einfach zusammengebrochen und reagierte auf keinen der unzähligen Versuche von Tyra. Verzweifelt blickte Tyra zu Luzifer und sah nur noch, dass dieser ebenfalls stöhnend langsam zu Boden ging. Auch er lag mit geschlossenen Augen und blassem Gesicht da und regte sich nicht mehr. Tyra verspürte leichte Übelkeit aufsteigen und sie versuchte, gegen das Schwindelgefühl anzukämpfen. Doch es war zwecklos. Kraftlos brach auch sie zusammen.

 

Nefaratowen gab ihrem Stamm ein schnelles Tempo vor, doch schließlich musste sie einsehen, dass die Kinder und alten Frauen das schnelle Reiten nicht lange mehr durchhalten konnten. Außerdem hatte ein leichter Nieselregen eingesetzt und Nefaratowen musste eine Entscheidung treffen.

„Minry, du reitest mit mir. Zu zweit kommen wir schneller voran, als wenn wir mit dem Stamm reiten. Nimm nur wenige Vorräte mit; wir müssten bald unser Ziel erreichen. Und vergiss nicht, was dir deine Mutter geschenkt hat, als sie dich in den Heilkünsten der Amazonen unterrichtete. Wir werden dein Wissen und deine Heilmittel brauchen.“

Dann winkte sie Andowen herbei, die ihr sehr nahe stand, eine große schlanke Frau mit hellbraunen schulterlangen Haaren und hellen blauen Augen. Andowen erklärte sich bereit, den Stamm anzuführen, bis Nefaratowen wieder das Kommando übernehmen konnte. Die beiden vereinbarten einen Treffpunkt, dann trennten sich ihre Wege. Nefaratowen blickte sich noch einmal besorgt um, dann gab sie ihrem Hengst die Sporen und preschte mit Minry davon.

 

Als Nefaratowen und Minry endlich den Waldrand erreichten, konnte das kleine Mädchen die Erleichterung der älteren spüren. Zwar konnten sie inzwischen den See überblicken, doch nun mussten sie ihr Ziel erst noch finden. Minrys Pferd kam neben Nefaratowens zum Stehen und entsetzt stieß Minry einen hohen Schrei aus. Wie aus dem Nichts tauchten aus den morgendlichen Nebeln vom See drei Pferde auf. Nefaratowen versuchte sie zu beruhigen, und nach einigen Versuchen ließen sich die Pferde einfangen. Gemeinsam mit ihrem und Minrys Pferd band sie sie an einem stabilen Ast fest, dann schlich sie vor Minry den Sandstrand zum See hin entlang. Plötzlich konnte sie eine Gestalt erkennen – es war Tyra, die in sich zusammengesunken blass und mit schweißfeuchter Stirn auf dem weichen weißen Sandstrand lag. Nefaratowen eilte zu ihr, dicht gefolgt von Minry. Besorgt beugten sich die beiden über die Königin der Waldonhier. Minry holte aus einer Leinentasche ihre Kräuter und hob leicht Tyras Augenlider.

„Sie hört und sieht uns nicht. Sieh dich etwas um, vielleicht war sie nicht allein.“

Nefaratowen war erstaunt über den Ernst in Minrys dünner Stimme. Bisher kannte sie nur das kleine verängstigte Kind, doch jetzt zeigte Minry ihr wahres Gesicht. Wortlos machte Nefaratowen sich auf die Suche und schon kurz darauf hatte sie Chiara und Luzifer entdeckt. Inzwischen hatte Minry Tyra mit Fieberhemmenden Kräutern versorgt und als Nefaratowen mit Chiara auf den Armen ankam, untersuchte sie sofort auch sie. Keuchend versuchte Nefaratowen, Luzifer aufzuheben, doch er war schwerer, als sie gedacht hatte. Aber sie wäre keine Amazone gewesen, wenn sie sofort aufgegeben hätte. Mit kleinen Pausen brachte sie auch ihn zu Chiara und Tyra.

„Wie geht es ihnen?“ fragte sie besorgt Minry, doch diese schüttelte nur den Kopf:

„Ich kann ihnen nicht mehr helfen, als die Schmerzen und das Fieber zu lindern. Zu mehr bin ich nicht im Stande. Ich konnte meine Ausbildung nicht abschließen...“

Die schmerzliche Erinnerung an ihre tote Mutter schnitt Minry ins Herz und sie schwieg.

Grimmig betrachtete Nefaratowen die drei blassen Gestalten und murmelte:

„Und so soll es also mit uns enden...“, dann wandte sie sich wieder zu Minry, „Ich werde nach ihren Vorräten suchen. Bleib hier und wenn sich ihr Zustand verschlechtert, ruf mich sofort! Sie dürfen auf keinen Fall sterben!“

Als Nefaratowen mit den Satteltaschen zurückkehrte, setzte Tyra sich gerade mit blassem Gesicht und wässrigen Augen auf. Verwunderte blickte sie sich um. Erleichtert fragte Nefaratowen:

„Meine Name ist Nefaratowen, Anführerin der Fomdef, einem Amazonenstamm. Wer bist du und was ist hier passiert?“

Benommen fühlte sich Tyra an den Kopf und versuchte, das Drehen ihrer Gedanken anzuhalten. Nach einiger Zeit begann sie langsam zu erzählen:

„Ich heiße Tyra und ich führe die Waldonhier an. Luzifer trug mir auf, nach Nahrung zu suchen. Also ging ich ein kleines Stück dort in den Wald zurück und konnte dort viele essbare Beeren und Wurzeln finden. Als ich zu Chiara und Luzifer zurückkam, hatten sie schon das Lager aufgebaut und ich teilte das Essen aus. Doch schon kurz darauf brach Chiara zusammen. Ich dachte zuerst, sie habe wieder eine Vision, aber auch Luzifer war inzwischen bewusstlos. Und dann-“, Tyra stockte, „ich kann mich nicht mehr erinnern, bis ich hier wieder aufgewacht bin.“

Nun meldete Minry sich zu Wort, die sich um Luzifer gekümmert hatte:

„Tante, er ist aufgewacht.“

Nefaratowen ließ Tyra allein und ging mit ruhigen Schritten auf Luzifer zu, der sich langsam aufrichtete und schmerzvoll das Gesicht verzog.

„Wie geht es Euch?“, fragte Nefaratowen besorgt.

Langsam antwortete Luzifer: „Ich kann mich an nichts mehr erinnern... Wo bin ich?“

„Wenn Ihr das nicht selbst wisst, kann ich Euch dabei auch nicht helfen, ich weiß nur, dass ich Euch im Traum, in einer Vision gesehen habe und deshalb hierher gekommen bin. Und ich bin mir sicher, dass irgendjemand Euch sehr gerne tot sehen würde. Könnt Ihr Euch nun erinnern?“

Luzifer aber schüttelte nur bedauernd den Kopf und versuchte, aufzustehen, doch schon kurz nachdem er sich erhoben hatte, fiel er wieder in den weichen Sand zurück.

„Ruht Euch hier aus“, riet Nefaratowen ihm, „Ich werde mich um Eure Begleiterinnen kümmern.“

Luzifer nickte nur kurz, dann holte ihn wieder die Bewusstlosigkeit ein.

Minry tupfte Chiara besorgt mit einem feuchten Tuch die schweißnasse Stirn. Nefaratowen versuchte inzwischen Tyra zu beruhigen und ihr wieder eine von Minrys Kräutermischungen zu geben. Doch es half alles nichts, Tyra war außer sich vor Wut. Wie konnte sie nur so dumm gewesen sein und durch ihren Zorn auf Luzifer unachtsam einfach irgendwelche Beeren pflücken? Tyra machte sich schwere Vorwürfe, denn die Hoffnung hing an einem Seidenfaden. Sie konnte von Glück sprechen, dass Nefaratowen durch ihre Vision veranlasst worden war, sich auf den Weg zu ihnen zu machen. Und trotzdem konnte Tyra ihre Unachtsamkeit nicht verstehen. Hatte Luzifer etwa doch Recht und sie ließ sich bei ihrem Handeln durch ihre Gefühle zu sehr beeinflussen? Nefaratowen murmelte beruhigende Worte und Tyra spürte, dass die Kräutermischung wirkte. Sie fiel wieder in einen tiefen Schlaf zurück.

Leise besprach sich Minry mit Nefaratowen:

„Ich kann nicht mehr für sie tun, aber ich versuche, das Gift aus ihrem Körper zu ziehen. Allerdings glaube ich nicht, dass das blonde Mädchen es überleben wird. Sie ist völlig geschwächt und das Gift zieht ihr langsam das Leben aus dem Körper.“

„Aber es muss doch eine Möglichkeit geben! Das kann nicht sein, ich habe nicht umsonst diese Vision erhalten, nur damit ich mit ansehen muss, wie unser aller Hoffnung im Sterben liegt. Es muss noch einen Weg geben!“

„Ich versichere dir, ich kann nichts mehr für die drei tun! Ich schwöre es!“

Nachdenklich hatte sich Nefaratowen zum weiten ruhigen See gewendet und beobachtete nachdenklich das Ufer der kleinen Insel.

„Es gibt eine Möglichkeit, doch sie ist sehr gefährlich, aber es ist unser letzter Ausweg. Wenn sie die Fahrt bis zur Insel der Weisheit nicht überleben, haben wir das nötigste getan. Ich reite ins nächste Dorf und suche dort ein Fischerboot. Du bleibst hier und kümmerst dich um die Vergifteten. Bete zur Göttin, dass sie am Leben bleiben.“

Mit diesen Worten schwang sich Nefaratowen in den Sattel und preschte in schnellem Galopp davon.

Minry machte sich große Sorgen um Tyra. Immer mehr zog sich die Anführerin der Waldonhier zurück, immer weniger wollte sie sich mit Minry unterhalten. Nachdem Tyra aufgewacht war, hatte sich Minry auf eine Unterhaltung mit ihr gefreut, da Nefaratowen immer noch nicht zurückgekehrt war, und sich Minry sehr einsam fühlte. Doch Tyra wollte nicht reden, sie machte sich große Vorwürfe, dass das alles nur ihre Schuld sei und sie das Land dem Untergang geweiht hatte, indem sie Chiara unabsichtlich in Gefahr gebracht hatte.  Sie selbst hingegen hatte sich von der Vergiftung schon wieder erholt, doch ihr wäre es lieber gewesen, sie anstelle von Chiara würde im Sterben liegen.

Nefaratowen kehrte nach zwei schlaflosen Nächten zurück und hatte ein kleines Fischerboot und dessen Besitzer mitgebracht. Sorgfältig packten die zwei Amazonen die übrig gebliebenen Essens- und Trinkvorräte zusammen, bevor sie Luzifer und Chiara, beide dick in Decken gehüllt, in das kleine Fischerboot betteten.

„Tyra, ich bitte dich, passe gut auf sie auf und sollte einer der beiden aufwachen, melde dich sofort bei mir“, befahl Nefaratowen ihr. Tyra nickte nur stumm; sie war es nicht gewohnt, Befehlen zu gehorchen, doch dies hier war eine Ausnahme.

Und so setzte sie sich vorsichtig in das schwankende Boot, zwischen Chiara und Luzifer, die selig schliefen.

„Sie sehen so friedlich aus, als würden sie nur tief schlafen“, dachte Tyra bei sich, als sie die beiden betrachtete, „ich wünschte, sie würden nur tief schlafen und nicht am Rande des Todes wandeln.“

Ruhig und gleichmäßig glitten sie durch die stillen Nebelschwaden, die jedoch verschwanden, als die Sonne blutrot aufging. Leise sagte Nefaratowen zu Minry:

„Schau zur Sonne, mein Liebling, sie ist so rot wie unser Blut. In dieser Nacht floss viel Blut unserer Kämpfer und Kämpferinnen. Die Sonne ist ein Zeichen der Göttin. Wir müssen uns beeilen, es darf nicht noch mehr Blut fließen.“ Zum Fischer gewandt sagte sie: „Beeilt Euch, wir haben es sehr eilig.“

Dieser nickte nur kurz und ernst und tauchte das Paddel schneller in das dunkle Wasser.

Tyra beugte sich immer wieder besorgt über die Bewusstlosen und tupfte ihnen hin und wieder mit einem kalten Tuch die heiße Stirn ab. Plötzlich bewegte sich Chiara ein wenig und versuchte, ihre Augen zu öffnen, doch ihre Lider flatterten nur kurz, dann blieb sie wieder ruhig liegen.

 

Mit einem leisen Schnippen verschwand das Bild und zurück blieb nur ein undurchsichtiger dunkler Nebel. Zufrieden blickte Behiye noch kurz auf ihre dunkle Kristallkugel, dann setzte sie sich auf ihr Bett und ein böses Lächeln umspielte ihre Lippen. Gerade ging die Sonne auf, doch Behiye ließ sich nicht beirren; sie legte sich in ihr großes Bett zum Schlafen, mit der Gewissheit, sehr mächtig zu sein.

 

Stöhnend rieb Luzifer sich seinen Kopf und verspürte leichte Übelkeit. Trotzdem versuchte er vorsichtig seine Augen zu öffnen. Er spürte etwas kaltes Nasses auf seiner Stirn und raue Finger, die sein Haar streichelten.

„Luzifer? Luzifer! Kannst du mich hören?“

Nur verschwommen nahm Luzifer die Stimme wahr, doch er wusste, dass er sie schon einmal irgendwann gehört hatte. Er wusste nur nicht mehr, wem die Stimme gehörte und woher sie kam. Vorsichtig öffnete er die Augen und wurde von einem gleißenden Licht so stark geblendet, dass er die Augen schließen musste. Nun hörte er eine andere leise, dünne Stimme:

„Es gibt wieder Hoffnung, Tyra. Er hatte die Augen geöffnet, das heißt, er hat dich gehört. Sprich weiter mit ihm, vielleicht ist es noch nicht zu spät.“

Wieder versuchte Luzifer, seine Augen zu öffnen, und diesmal war er auf das Licht gefasst. Blinzelnd konnte er eine Gestalt ausmachen, eingehüllt in das gleißende Licht. Leise und unter großen Anstrengungen flüsterte er:

„Göttin, meine liebe Herrin! Verzeiht mir, bitte. Ich bin nicht würdig, diese Aufgabe zu erfüllen. Nehmt die schwere Bürde von mir und lasst mich in das Reich des ewigen Friedens einkehren. Ich kann hier nichts mehr tun. Ich habe versagt.“

Erstaunt und verwirrt sah Tyra Luzifer an. Tyra war sich jedoch sicher, dass sie weder wie eine Herrin noch wie eine Göttin aussah. Deshalb versuchte sie zu erklären:

„Luzifer, weißt du denn nicht, wer ich bin? Ich bin Tyra, Anführerin der Waldonhier. Wir sind hier am See der Vernunft und wir sind auf dem Weg zum Waisen. Bitte, du musst dich doch an irgendetwas erinnern können!“

Verzweifelt schüttelte Tyra Luzifer ein wenig an den Schultern.

„Tyra? Tyra... Herrin, ich habe Euch Unrecht getan. Nur Ihr allein könnt über mein Leben entscheiden. Wenn Ihr es für richtig haltet, werde ich weiter versuchen, Eure Aufgabe zu erfüllen. Verzeiht mir.“

„Aber Luzifer, ich bin nicht deine Göttin! Ich bin Tyra, hörst du, Tyra.“

„Ich höre dich Tyra, Anführerin der Waldonhier. Und ich kann dich sogar sehen.“ Schmunzelnd setzte Luzifer sich langsam auf und sah sich verwundert um.

„Warum sind wir hier in diesem Boot? Und wer sind diese Frau und das Mädchen?“ fragte er mit einem misstrauischen Blick zu Nefaratowen und Minry, die sich bisher still verhielten. Offensichtlich gefielen ihm die ledernen Hosen und Mäntel der beiden Amazonen nicht besonders.

„Ich bin Nefaratowen, Königin der Fomdef Amazonen, und dies ist die Tochter meiner verstorbenen Schwester. Minry wurde von ihrer Mutter in den Heilkünsten der Amazonen unterrichtet und Ihr habt ihr Euer Leben zu verdanken.“ Natürlich hatte Nefaratowen den Blick von Luzifer gesehen und fügte deshalb feindseliger hinzu, „Aber kommt uns nicht zu nahe, wir können uns sehr gut verteidigen.“

Erstaunt über soviel Schlagfertigkeit begann Luzifer plötzlich zu Lachen, das ihm drei verständnislose Blicke einbrachte. Immer noch schmunzelnd erklärte er:

„Meine Amme hat mir immer fürchterliche Geschichten von den Amazonen erzählt. Sie sollen die Männer hassen und jeden Mann umbringen, egal, ob Vater, Bruder oder Sohn. Aber bei euch beiden kann ich mir das wirklich nicht vorstellen. Es ist wohl eher eine Verspottung eurer Persönlichkeit, wenn ich Euch so fürchterliche Taten unterstellen würde.“

Mit dankbaren Worten verbeugte er sich vor Minry und Nefaratowen. Diese hatte jedoch Luzifers Worte noch nicht vergessen und griff diese wieder auf:

„Ich kann Euch versichern, ich habe noch nie aus Hass einen Mann getötet, doch in meinem Stamm ist es Sitte, wenn sich ein Mann an einer unserer Frauen ohne ihr Einverständnis vergeht, dann erst muss er sterben. Doch ich könnte niemals meinen Bruder oder eigenen Sohn töten. Es gibt einige Amazonenstämme, die dies tun, doch hatte ich euch für so klug gehalten, dass ihr diese Furchterregenden Geschichten nicht auf alle Amazonen bezieht. Aber ich will nicht weiter darüber reden, es ist jetzt auch belanglos, darüber können wir noch sprechen, wenn wir alt und grau sind, was wir hoffentlich werden, wenn die Göttin will. Die Frage ist einfach, doch schwer zu beantworten: Was tun wir, wenn Chiara es nicht überlebt?“

Luzifer betrachtete nachdenklich die schlafende Chiara an Tyras Seite, dann sagte er langsam:

„Ich wusste nicht, dass uns die Dekson der Jezlorn schon so dicht auf den Fersen sind, doch sie werden wohl einige zeit brauchen, bis sie ein geeignetes Beförderungsmittel zur Insel des Waisen kommen. Die Dekson wissen selbst, dass sie die Insel nicht betreten können, aber sie werden versuchen, herauszufinden, auf welcher Seite des Sees wir unsere Reise fortsetzen werden. Aber jetzt sind wir erst einmal in Sicherheit, so weit man in diesen turbulenten Zeiten sicher sein kann. Noch immer sind wir verwundbar, doch ich glaube fest daran, dass wir es schaffen werden. Über Chiara kann ich nichts sagen, aber ich bin mir sicher, dass sie es überleben wird, denn in der Prophezeiung stand nichts über ein vorzeitiges Ende. Wir können also nur hoffen und Vertrauen in die Prophezeiung legen.“

„Über solche Dinge sollte man hier nicht reden“, warnte Nefaratowen mit einem Blick auf den Rücke des Fischers, der immer wieder das Paddel in das Wasser eintauchte. „Wir können nur uns selbst trauen, da habt Ihr wirklich Recht.“ Luzifer hatte den Blick von Nefaratowen aufgefangen und verstanden; sie traute dem Fischer nicht.

Endlich konnte man das Ufer der Insel sehen und die Stimmung entspannte sich etwas, doch noch immer hatte sich Chiaras Zustand nicht geändert und Minry war am Ende ihrer Heilkünste.  Jetzt konnten sie nur noch hoffen und zu den Göttern beten.

Mit einem Knirschen setzte das kleine Fischerboot am Ufer auf. Luzifer, wieder einigermaßen im Besitz seiner Kräfte, half Nefaratowen, Minry und Tyra aus dem Boot. Dann hob er die zierliche Chiara heraus als wäre sie nicht schwerer als eine Feder und legte sie behutsam in Decken eingehüllt auf das warme weiche Moos in der Nähe des kurzen feinen Kiesstrandes. Nefaratowen dankte dem Fischer und gab ihm einige Silberstücke und der Mann lächelte zufrieden. Danach holte sie die übrigen Vorräte aus dem Boot. Nachdem der Fischer sich wieder auf den Heimweg gemacht hatte, standen Nefaratowen, Minry, Tyra und Luzifer um Chiara und beratschlagten:

„Ich weiß, wohin wir gehen müssen, aber es ist unmöglich, Chiara in diesem Zustand mitzunehmen. Wir müssen klettern und selbst aufpassen, dass wir keinen folgenreichen Fehler begehen. Chiara kann auf gar keinen Fall mit uns kommen.“ Erklärte Luzifer.

„Aber wir können sie doch nicht einfach hier lassen!“, mischte Tyra sich entsetzt ein, „und wenn ich Chiara auf dem Rücken tragen muss, wir werden sie hier nicht einfach ihrem Schicksal überlassen.“

„Ich bin ganz deiner Meinung, Tyra. Ich glaube, es gäbe schwerere Folgen, wenn wir sie hier lassen. Was wäre zum Beispiel, wenn sie plötzlich aufwacht, nicht weiß, wo sie ist und irgendeine Dummheit begeht? So bringen wir sie, uns und vor allem unsere Aufgabe nur noch mehr in Gefahr. Ich werde dir helfen, sie zu tragen, Tyra.“

„Aber das könnt ihr nicht machen!“ fuhr Luzifer aufgebracht dazwischen, „sie würde den Transport niemals überleben.“

„Und deshalb willst du sie hier einfach ihrem Schicksal überlassen und hoffen, dass sie noch lebt, wenn wir zurückkommen?“

Tyra war außer sich vor Wut und starrte zornig Luzifer an.

„Chiara wird mit uns kommen, ob Ihr wollt oder nicht!“

Mit diesen Worten beugte sich Nefaratowen über die totenbleiche Chiara und hob sie hoch. Steif forderte sie Luzifer auf, voraus zu gehen und ihnen den Weg zu zeigen.

Tapfer kämpften sie sich durch den dichten Dschungelwald und Tyra war einmal froh, dass sie die Gruppe nicht anführen musste. Für sie sahen diese Bäume alle gleich aus; sie hatten keinerlei Ähnlichkeit mit ihren heimatlichen Laub- und Nadelwäldern.

Schließlich konnten sie ein leises Rauschen hören, erst sehr leise, doch als sie näher kamen, schwoll es zu einem grollenden Donnern an. Plötzlich und für Minry und Tyra, die den Weg nicht kannten, völlig unerwartet, hörte der dichte Dschungel auf und die beiden Mädchen mussten vor dem grellen Licht die Augen schließen. Das Donnern kam von einem riesigen Wasserfall, der mit erstaunlicher Geschwindigkeit über dem Felsen herausstürzte und in einen gemächlich dahin gurgelnden Fluss mündete. Luzifer deutete auf den Felsen und sagte etwas, doch man konnte nur sehen, wie er seine Lippen bewegte, denn es war unmöglich sich hier mit Worten zu Verständigen. Nefaratowen schüttelte erschöpft den Kopf und mit Hilfe von Tyra und Minry legte sie Chiara in der Nähe des Flusses, jedoch vom Wasserfall weit genug weg, um sich verständigen zu können, auf den Kiesboden. Tyra schöpfte mit den Händen etwas Wasser und flößte mit Hilfe von Minry Chiara etwas davon ein. Doch Chiara hustete und plötzlich riss sie die Augen auf und in ihrem Blick spiegelte sich Furcht und Entsetzen.

„Chiara, was ist los?“

Beunruhigt beugte sich Tyra über Chiara.

Langsam und schluchzend flüsterte die erschöpfte Chiara:

„Sie...Meine Eltern...mein Bruder...sie sind alle tot...Warum habe ich sie allein gelassen? Wäre ich nicht gewesen, würden sie noch leben. Sie sind tot, tot, tot...“, plötzlich flimmerte Zorn in ihren hellblauen Augen auf, „und ich weiß, wer es getan hat und ich werde diesen Mord nicht ungerächt lassen. Ich werde den Mörder töten, damit er weiß, was Tod bedeutet...“

Chiara konnte nicht mehr weiterreden und die aufgestauten Tränen der Trennung und des Schmerzes strömten heraus. Tyra kniete sich neben ihre Freundin und wiegte sie wie ein kleines Kind in den Armen. Nefaratowen nahm etwas Erde zwischen ihre Finger und zerstreute diese in alle vier Himmelsrichtungen. Dabei murmelte sie leise Worte, die an die Göttin gerichtet waren und den Segen für die Ermordeten erbaten.

Nachdem sich Chiara einigermaßen wieder beruhigt hatte und ihre Tränen versiegt waren, untersuchte Minry die immer noch sehr schwache Hoffnungsträgerin, konnte jedoch keinerlei Spuren der Vergiftung entdecken. Trotzdem meinte Luzifer, dass sie heute noch den Aufstieg wagen sollten, da sie so schnell wie nur möglich zum Waisen mussten. Nefaratowen hatte zwar einige Einwände, doch als Chiara auch für den Aufstieg war, gab Nefaratowen schließlich nach. Luzifer kannte den geheimen Pfad, der neben dem Wasserfall hinauf zum Felsen führte. Chiara war noch immer sehr schwach und das Klettern war sehr anstrengend, nicht nur für sie. Auch Minry war Klettern nicht gewohnt und der Felsen war zusätzlich auch noch glitschig nass durch die Gischt des Wasserfalls und immer wieder rutschte Minry ab. Doch sie wusste auch, dass hinter ihr Nefaratowen war, die ihr half, doch Minry wollte trotzdem nicht hinunter sehen. Tyra ging hinter Chiara, und immer wieder dachte sie, dass Chiara zusammen brechen und in die tiefen Wassermassen hinunter stürzen würde. Doch Chiara hielt sich tapfer am nassen Felsen fest und als sie endlich fast oben angekommen war, nahm sie dankbar Luzifers ausgestreckte Hand. Keuchend und erschöpft setzten sich Minry, Tyra und Nefaratowen neben Chiara. Luzifer versuchte inzwischen ein kleines Feuer zu entzünden und nach einigen Versuchen gelang ihm das auch. Schon kurze Zeit später prasselte ein Feuer und ein kleines Kaninchen, das Tyra auf die Schnelle gefangen hatte, brutzelte gut duftend über ihm. Nefaratowen und Minry sangen nach dem guten Essen ein paar Lieder ihres Stammes, wobei ihre Stimmen nicht unterschiedlicher hätten sein können. Nefaratowen besaß eine dunkle, tiefe Stimme die nichtsdestotrotz sehr sanft klang. Minry hingegen konnte sehr hoch singen und begeisterte Chiara und Tyra mit ihrem Talent und sogar Luzifer fand ein paar lobende Worte für sie. Danach waren alle sehr müde und legten sich im Kreis um das wärmende Feuer. Schon bald waren nur noch das Knistern des Feuers und das gleichmäßige Amten zu hören.

 

„Was soll das heißen, du kannst sie nicht sehen?“ Mit dunkelrotem Kopf stampfte ein großer Mann mit rotem langem Haar und Bart wütend durch das Zimmer.

„Ich habe es dir doch schon erklärt!“ versuchte Behiye sich zu verteidigen und dabei blitzten ihre dunklen schwarzen Augen gefährlich auf, „das letzte Mal, als ich sie in meiner Kristallkugel sah, war heute morgen. Außerdem“, fügte sie beleidigt hinzu, „war es nicht sehr nett von dir, mich einfach mitten am Tag aufzuwecken.“

„Was kann ich denn dafür, wenn du nicht wie jeder gewöhnliche Mensch nachts schläfst, sondern lieber tagsüber.“ Fuhr der rothaarige Mann Behiye an.

„Weil ich kein gewöhnlicher Mensch bin!“ schnappte Behiye und in ihren schwarzen Augen zeigte sich schon wieder das gefährliche Glitzern.

„Merke es dir gut, Arothem, ich bin kein gewöhnlicher Mensch wie du, ich bin viel mächtiger als du und alle deine gewöhnlichen Menschen zusammen!“

Arothem ließ das Thema lieber fallen; dabei war mit Behiye nicht zu spaßen. Deshalb beugte er sich jetzt kommentarlos über eine verblichene und stark zerfledderte Karte und fuhr mit dem Finger eine Linie nach. Immer noch aufs Äußerste gereizt, konzentrierte sich Behiye nun auch wieder auf die Karte und deutete auf eine Stelle vor einem riesigen blauen Fleck, der mit „See der Vernunft“ beschriftet war.

„Hier haben unsere Dekson das Gift gestreut und diese Tyra war wirklich dumm genug es den anderen beiden zu geben. Doch dann kamen die beiden Amazonen, verflucht sei ihre Göttin, und mit ihrer Hilfe konnten sie den See befahren.“

Behiye tippte auf den See der Vernunft auf der Karte:

„Sie sind wahrscheinlich auf die Insel des Waisen geflüchtet und du weißt selbst, dass dort keine schwarze Magie eine Chance hat. Wir müssen warten, bist sie weiterreisen. Kann ich jetzt wieder schlafen?“

Arothem gab ihr schlecht gelaunt die Erlaubnis dazu, Ihm gefiel der Gedanke gar nicht, nicht mehr zu wissen, was mit der Auserwählten geschah. Er wollte sie unbedingt tot sehen.

 

Mit steifem Nacken und Gliederschmerzen wachten alle auf. Am schlimmsten hatte es natürlich Chiara getroffen, sie war es einfach nicht gewöhnt, auf dem Boden zu schlafen. Minry und Nefaratowen versuchten inzwischen aus den kargen Vorräten ein einigermaßen gutes Frühstück zuzubereiten. Tyra suchte Feuerholz und Luzifer weckte Chiara mit einem Grashalm auf. Diese wusste zuerst gar nicht, wo sie sich befand, doch dann brach eine Welle der dunklen Erinnerungen über sie. Als sie frühstückten, beratschlagten sie über ihre derzeitige Situation. Nach kurzer Zeit schon stand fest, dass sie den Waisen besuchen und mit ihm das weitere Vorgehen besprechen würden. Mit neuem Mut machten sich Chiara und ihre Begleiter auf den Weg zum Waisen.

 

Ein Schweißtropfen rann von Behiyes Schläfe hinunter über ihre Wange, so dass es aussah, als würde sie weinen. Mit geschlossenen Augen und unter größten Anstrengungen versuchte Behiye weitere Anweisungen ihres Meisters zu empfangen. Schon seit Stunden konzentrierte sie sich, doch der Meister schickte ihr weder eine Vision noch einen Ratschlag. Schließlich gab Behiye auf. Anscheinend war ihr Herr und Meister gerade nicht in Stimmung, mit ihr in Kontakt zu treten. Oder vielleicht wusste sogar er keinen Ausweg... Nein, er war ein Gott und hatte bisher immer einen Weg gefunden. Gedankenverloren winkte Behiye ihrem persönlichem Diener Meston. Dieser erschien mit starrem Blick und kalten ausdruckslosen Augen vor ihr und verbeugte sich tief vor ihr.

„My Lady, Ihr wünscht?“ fragte er mit leiser Stimme.

„Ich brauche einen willigen Kundschafter, der ohne Einfluss von schwarzer Magie bereit ist, für uns zu spionieren.“

„Ich werde ihn finden, My Lady.“

Nachdem Meston sich verbeugt hatte und gegangen war, zischte Behiye mit einem bösen Lächeln:

„Dummkopf!“

 

Dem Stand der Sonne nach zu schließen, war es bereits später Nachmittag. Erschöpft ließ sich Chiara auf das weiche Moos fallen. Ihre Schmerzgrenze hatte sie schon lange überschritten. Sie spürte keinen Schmerz mehr und auch ihre Füße waren gefühllos. Ihre nackten ungeschützten Füße hatten blutige Schnitte von scharfen Steinen und kantigen Felsen. Ihr einfaches Schuhwerk hatte sie schon kurz nach ihrem Aufbruch vom Nachtlager zurücklassen müssen. Erschöpft ließen Minry und Tyra sich ebenfalls nieder auf die Erde. Obwohl Tyra viel mehr harte Arbeit gewöhnt war als die beiden anderen Mädchen, musste auch sie zugeben, dass sie erschöpft war und am Ende ihrer Kräfte. Luzifer jedoch schien der Aufstieg nichts auszumachen. Mit einem grimmigen Gesicht blieb er vor den drei Mädchen stehen:

„Was soll das denn? Wir können nicht schon wieder eine Pause machen. Los, los, steht auf, wir müssen weiter! Wir dürfen keine Zeit verlieren!“

„Lass die Kinder ausruhen, siehst du nicht, dass sie erschöpft sind?“ griff Nefaratowen ein. Auch sie war ein wenig aus der Puste, doch sie hatte großes Verständnis für Minry, Tyra und Chiara.

„Hier, esst ein wenig von den Beeren und trinkt einen Schluck.“

Gierig griff Chiara nach dem Wasserbeutel und trank mit großen Schlucken das kühle Nass. Auch Minry und Tyra kam die Stärkung nur willkommen. Luzifer stand fassungslos daneben.

„Warum verwöhnst du sie so? Wir haben gerade erst einmal die Hälfte der Strecke geschafft und sie sind schon wieder erschöpft! Sie müssen lernen, ihre Kräfte besser einzusetzen. Genug von der Rast, wir gehen weiter.“

Festen Schrittes folgte Luzifer dem Pfad weiter. Nefaratowen half den Mädchen auf und ging dann als Nachhut hinter den dreien.

 

„My Lady, ich bin stets zu Euren Diensten, was kann ich für Euch tun?“

Feskjan beugte sich soweit hinunter, dass seine Nasenspitze fast den Boden berührte.

Behiyes Gesicht aber blieb ausdruckslos und kalt wie Stein, und so entschied sich Feskjan, es sei wohl besser, erst einmal das Angebot anzuhören.

„Ich habe einen Auftrag für dich. Doch der Auftrag ist schwer und bedarf größten Willens. Willst du es dennoch wagen, ein Spion für mich zu sein? Du sollst die Auserwählte Chiara und ihre Begleiter ausspionieren und so die Insel des Waisen betreten.“

Feskjan musste erst schlucken, dann konnte er heiser antworten:

„Wenn Ihr es wünscht, my Lady, werde ich dies tun.“

„Und bist du dir auch der Gefahr bewusst?“ fragte Behiye mit kalten Augen, aber gefährlichem Unterton, „du darfst nichts sagen, kein Wort, verständige dich mit deinen Händen oder Füßen, aber sprich kein Wort. Wenn du auch nur ein Wort, und sei es auch noch so leise, sprichst, wird dich der Fluch des Waisen treffen, nur er kann dich als einen von uns erkennen. Bleibe bei der Auserwählten solange, bis die Abreise bekannt ist, aber begegne dem Waisen nicht. Zwei Tage vorher verschwindest du und wirst sofort hierher kommen und mir Bericht erstatten.“

Feskjan war etwas mulmig zu mute, aber er fühlte sich nie wohl in Behiyes Anwesenheit.

„My Lady, ich werde euch nicht enttäuschen“ ich hoffe es zumindest, dachte er bei sich.

„Nun, da du mir schon viele gute Dienste geleistet hast, werde ich diesmal darauf verzichten, dir deine Strafen bei Versagen zu erzählen. Aber denke an deine Familie – und denke an dein Leben!“

Nach diesen Worten und einer kurzen Handbewegung verneigte sich Feskjan vor Behiye und verließ das Zimmer. Draußen lehnte er sich an die kalte Mauer und musste sich erst einmal den Angstschweiß von der Stirn wischen.

 

„Und dafür sind wir soweit gelaufen?“ geschockt starrte Tyra auf die kleine schäbige Hütte aus Weidenzweigen. Eigentlich hatte sie ein solides Haus und ein richtiges Bett erwartet.

„Der Waise muss rein bleiben und verzichtet daher auf jeden Luxus.“ Erklärte Luzifer leicht gereizt.

Chiara kümmerte dies alles nicht. Erschöpft ließ sie sich einfach auf den Boden nieder. Nefaratowen musterte inzwischen die Gegend misstrauisch. Luzifer ging langsam auf die kleine Hütte zu, als plötzlich eine kräftige Stimme wütend rief:

„Keinen Schritt weiter!“

Mit einem Ruck drehten sich Luzifer und seine Begleiterinnen zum Sprecher um. Mit erhobenem Bogen, gezielt auf Luzifer, kam eine große kräftige Gestalt aus dem Schatten der Bäume, während die Sonne langsam unterging. Da die Gestalt die Sonne im Rücken hatte, musste Chiara blinzeln, konnte aber nur eine große dunkle Gestalt ausmachen. War dies das Ende ihrer Reise? Hatte man sie gefunden?

Luzifer und Nefaratowen waren wie gelähmt, und so hatte keiner außer Tyra den alten Mann bemerkt, der in der Öffnung der Hütte schwer auf einen Stock gestützt, stand. Als er aber seinen Stock zur Seite warf und zögerlich ein, zwei Schritte machte, eilte Tyra sofort an seine Seite, um ihn zu schützen.

„Großvater!“ rief die Gestalt, ließ den Bogen fallen und lief, ohne auf die anderen zu achten, auf den alten Mann zu und schrie Tyra an: „Fass ihn nicht an!“

Tyra ließ sich das nicht gefallen und ihr hitziges Temperament flammte auf:

„Hätte ich ihn nicht gestützt, wäre er gefallen!“ als sie sich an ihre Herkunft erinnerte, zischte sie ihn zornig an: „Was fällt dir überhaupt ein? Ich könnte dich töten, wenn ich wollte!“

Doch die Gestalt, und wie Chiara nun erkennen konnte, war es ein Junge, der vielleicht nur ein oder zwei Jahre älter war als sie selbst, achtete weder auf Tyra noch auf ihre herrische Miene. Behutsam beugte er sich über den alten Mann, hob ihn schließlich hoch und trug ihn in die Hütte zurück. Luzifer hatte seine alte Gelassenheit wieder gefunden und folgte dem Jungen und seinem Großvater. Nefaratowen blickte ihm misstrauisch nach, aber als Luzifer im Dunkel der Hütte verschwunden war, bedeutete sie Minry, die schweigend hinter ihrer Tante gestanden hatte, wie es ihrem Rang zustand, sich um Chiara zu kümmern und ihre Schnitte und Verletzungen zu verbinden. Tyra starrte noch immer sprachlos und mit hochrotem Kopf den Eingang der kleinen Hütte an, doch schließlich riss sie sich aus ihrer Trance und begann, ihre Vorräte auszupacken.

Mit schmerzverzerrtem Gesicht überließ Chiara sich nur ungern Minrys Heilkünsten, doch sie wusste, es war nur zu ihrem Besten. Luzifer trat mit starrem Blick aus der Hütte und ging auf Chiara zu. Nefaratowen, die gerade das Essen zubereitete, spitzte die Ohren und hörte Bruchteile wie „sterben“, „komm mit mir“ und „wir brauchen dich“. Nefaratowen sah aus den Augenwinkeln, dass Chiara sich mühsam erhob und auf die Hütte zu humpelte. Nefaratowen stand ebenfalls auf und wollte auch in die Hütte gehen, doch Luzifer hielt sie auf:

„Wie sehr du dich auch um Chiara sorgen magst, dies ist eine Angelegenheit, die nur unseren Glauben etwas angeht. Wir beten zur großen Göttin und ich hörte, Ihr verehrt nur Eure Stammesführerin. Der Waise liegt im Sterben und ich bitte euch nur einmal um diesen Gefallen.“

Mit hochgezogener Augenbraue hatte Nefaratowen Luzifer zugehört und antwortete mit einem gütigen Lächeln:

„Bevor ich zu den Fomdef Amazonen kam, wuchs ich in einem sehr gläubigen Haushalt auf. Und die Fomdef sind bestimmt kein Stamm, der mich als ihre Anführerin anbetet. Wir alle glauben an die Göttin, doch geben wir ihr oft einen anderen Namen und anderes Aussehen. Ich kann Euch versichern, dass auch ich in die Mysterien eingeweiht bin und schon mehr als einmal einem Menschen beim Kampf mit dem Tod geholfen habe. Ich bitte Euch, lasst mich mit hinein gehen, denn auch mir liegt dieses Land am Herzen.“

Luzifer nickte nach diesen Worten widerwillig mit dem Kopf und trat mit ihr ein. Nachdem sie sich an die Dunkelheit und den beißenden Geruch von verbrannten Kräutern gewöhnt hatten, sahen sie den alten Mann in einem einfachen Bett liegen. Auf der Seite mit einem kleinen Fenster saß der Junge, der sie bei ihrer Ankunft aufhalten wollte. Auf der anderen Seite kniete Chiara und hielt mit der einen Hand die des Sterbenden und mit der anderen die des Jungen. Auch der Junge hatte eine Hand des Sterbenden und die andere erfasste Chiaras. Er und Chiara knieten beide mit geschlossenen Augen neben dem Bett und der Junge murmelte seltsame Worte, die Chiara weder verstand, noch kannte. Doch in ihrem Innern war ihr bewusst, dass sie mit den Worten etwas Unbeschreibliches verband und erkannte schließlich, dass sie diese schon oft gesprochen hatte, nur nicht in diesem Leben. Nefaratowen hielt Luzifer zurück, als dieser den Kreis der dreien unterbrechen wollte.

„Wenn Ihr dies tut“, flüsterte sie, „zerstört Ihr endgültig alle Hoffnungen für dieses Land. Lasst sie tun, was sie tun müssen! Sie wissen, was sie tun!“

Und tatsächlich öffnete plötzlich der Waise seine Augen, die in unbändigem Licht erstrahlten. Schließlich begann er stockend zu sprechen, als ihn seine Vision erreichte:

Oh Göttin,

meine Zeit ist zu Ende.

Meine Seele soll ihren Weg zu Ende gehen,

aber ich werde die Welt nie wieder sehen.

Nimm mich auf unter deinen Mantel,

den du über deine Kinder gebreitet hast.

Hier wird nie wieder je ein Mensch sterben,

aber die Insel soll Zuflucht für jeden sein,

der dich liebt.

Mein Junge, hör gut zu:

Diesen Ort darfst du nicht vergessen,

doch nie wieder wirst du hierher lebend zurückkommen.

Aber deine Kinder sind auch die Kinder der Göttin

Und so lehre sie, wie ich dich lehrte,

die Göttin zu verehren.

Du wirst viele Kinder haben,

doch auch dir ist dein Schicksal auferlegt.

Erfülle es und du wirst mich schon bald

Wieder bei der Göttin sehen, die uns alle als Kinder liebt.

Auserwählte......

Eine Ehre, Euch zu kennen,

doch Ihr seid nur ein Teil von dieser Welt.

Ihr wart beim Aufstieg dieses Landes dabei,

in einem anderen Leben,

doch wünsche ich Euch viel Erfolg

und ehrt die Göttin.

Erschreckt nicht vor eurem Schicksal,

denn es gibt Dinge, die Ihr tun müsst,

obwohl Ihr sie nicht versteht.

Ich werde mit Euch sein und Euch Visionen schicken,

doch an mir ist es nicht, über dieses Land zu entscheiden.

Die Würfel sind noch nicht gefallen, und auch ein Sieg scheint nicht sicher.

Rettet das Land und seine Seele und die Göttin wird Euch aufnehmen,

so wie sie mich jetzt aufnehmen wird.

 

Chiara und der Junge hatten aufgehört, ihre Lebensenergie durch den Kreis und die alten geheimen Worte dem alten Mann zu spenden und ließen behutsam seine Hände los. Das zuvor leuchtende Licht in den Augen des Waisen war erloschen und Luzifer trat an das Bett heran, machte das Zeichen für den ewigen Frieden über ihn und schloss die ausdruckslosen Augen. Nefaratowen begleitete inzwischen die beiden Lebensspender nach draußen. Minry und Tyra hatten das Abendessen schon fertig gekocht und in der Dunkelheit brannte hell ein Feuer, über dem ein Topf mit guter Suppe kochte. Dankbar ließen sich Chiara und der Junge vor dem Feuer nieder und löffelten behutsam die dampfende Suppe aus kleinen Schalen. Erst jetzt hatte Chiara die Gelegenheit, sich den Jungen aus der Nähe anzusehen. Sein etwa schulterlanges dunkelbraunes Haar hatte er wohl vor langer zeit einmal zu einem Zopf gebunden gehabt, inzwischen aber hatten sich seine Haare verfilzt, doch Chiara fand, dass ihm dies stand. Gierig aß er die Suppe, doch Chiara wurde magisch von seinen braunen Augen angezogen. Als der Junge schließlich seinen Hunger gestillt hatte, schaute auch er auf und Chiara starrte unverwandt in seine braunen Augen. Er lächelte entschuldigend und meinte:

„Ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Mein Name ist Sarno. Ich war der Schüler des Waisen und sein Enkel. Einmal sollte ich seinen Platz einnehmen. Aber ich glaube nicht, dass dies ein Leben für mich sein könnte. Und wie wir aus der Vision meines Großvaters erfuhren, wird hier nie wieder ein Waise leben. Aber ich verstehe noch immer nicht, was er damit meinte, dass ich nie wieder hierher zurückkehren werde. Wohin mich mein Weg allerdings führen wird, weiß ich nicht. Ich habe keine Verwandten. Wir lebten hier ganz alleine.“

Gedankenverloren starrte Sarno ins Feuer und Chiara konnte seinen Schmerz deutlich fühlen. Sie verstand ihn nur zu gut. Auch ihre Familie war tot; brutal ermordet, nur um das Land zu retten.

 

„Fapy, bleib stehen! Na warte, ich bekomme dich schon noch zu fangen!“

Lachend holt Chiara ihren kleinen Bruder ein und die beiden landen im weichen von der Sonne gewärmten Gras.

„Ich werde dich niemals allein lassen, das verspreche ich dir!“

„Ich hab dich lieb, meine große Schwester, und ich will auch immer artig zu dir sein.“

„Und deshalb wirst du jetzt baden!“

Lachend lässt Chiara Fapy in den kleinen Teich fallen. Doch ihr Bruder taucht nicht mehr auf. Verzweifelt ruft Chiara nach ihm, doch keine Antwort, das Wasser bleibt still und bewegt sich nicht. Plötzlich hört Chiara Geschrei vom Hof und Schwerter klirren aneinander. Als sie sich zum Haus umdreht, steht es in Flammen und der beißende Geruch von verbranntem Holz steigt ihr in die Nase. Beim Anblick des brennenden Hauses erfasst das Mädchen unbändige Wut. Ihr ist bewusst, dass sie nichts ungeschehen machen kann, doch sie kann rächen, ihre Mutter, ihren Vater, ihren Bruder und die anderen, die unschuldig wegen ihr sterben mussten. Mit schnellen Schritten erreicht sie ein Blumenbeet, in dem ein alter Rechen liegt. Noch immer kann Chiara die Schreie der Frauen hören und rennt durch den Torbogen, der den Garten und den Hof verbindet. Doch schon wenige Meter später bleibt sie wie angewurzelt stehen. Es ist kein Mensch zu sehen und auch das Haus brennt nicht mehr. Verwundert sieht Chiara sich um, doch sie kann nichts Außergewöhnliches erkennen. Vorsichtig geht sie einige Schritte auf den Eingang des Hauses zu, doch es geschieht nichts.

„Kli-Nerafta!“

Diese Stimme...Vertraut und doch so unbekannt. Unbestimmt weiß Chiara, dass sie mit dem Namen Kli-Nerafta gemeint war. Doch sie kann sich nicht daran erinnern, je so genannt worden zu sein.

„Neri, was machst du denn hier? Ich dachte, du bist bei deiner Tante am Meer, wegen deiner Krankheit...“

Ein junger schlanker Mann mit hellbraunem kinnlangem Haar tritt aus dem Torbogen und umarmt Chiara von hinten herzlich. Er überragt sie um gut einen Kopf und legt sein Kinn behutsam auf ihren Kopf. Plötzlich überkommt Chiara eine Welle der Wärme und Herzlichkeit und auch wenn sie den Mann nicht kennt, oder nur glaubt, ihn nicht zu kennen, fühlt sie sich doch in seinen Armen so geborgen wie in den Armen ihrer Mutter. Nach einer kleinen Ewigkeit, so kommt es Chiara zumindest vor, löst sich der Mann von ihr und dreht sie zu sich um, damit er ihr Gesicht betrachten kann. Chiaras Blick richtet sich zuerst auf seine Augen, braune Augen, aus denen unendliche Liebe und Wärme leuchtet. Die gerade Nase und die geschwungenen Lippen geben dem Gesicht einen gewissen lieblichen Reiz. Nachdem er auch sie eingehend betrachtet hat, streicht er ihr zärtlich eine vorwitzige Strähne aus dem Gesicht. Erst jetzt fällt Chiara auf, dass sie keine blonden, glatten Haare hat, sondern krauses, Rotoranges Haar hat, das ihr bis zur Taille fällt. Verwirrt sieht sie erst den jungen Mann an, dann betrachtet sie sich selbst. Jetzt bemerkt sie auch, dass sie viel hellere Haut hat und viel größer war. Erstaunt sieht sie der junge Mann an und fragt:

„Neri, erkennst du mich nicht mehr? Wie lange habe ich die Götter angefleht, mir meine Gemahlin wieder zu geben. Aber da du ja eine vom Volk der Wasraegen bist, sah ich ein, dass es besser für dich ist, am Meer zu leben und nicht hier, auch wenn die Landschaft mit ihren grünen, sanften Hügeln sehr schön ist. Hörst du mir überhaupt zu?“

„Es tut mir leid!“ Chiara erschrickt über den dunklen Klang ihrer Stimme, doch nimmt sie sich zusammen und versucht, weiter zu antworten:

„Ich kenne weder dich, noch diejenige, die du rufst. Ich bin nicht Neri. Das einzige, was mich hier verbindet, ist diese Umgebung, es war oder muss ich sagen, ist meine Heimat. Es tut mir leid, wenn ich dich mit meinem Aussehen verwirrt habe.“

„Aber du bist ganz sicher Neri, nur sie hat solche Haare und diese Stimme habe ich schon lange nicht mehr gehört. Bitte, du musst dich erinnern! Ich bin Saboto, dein Gemahl. Bitte!“

Die Augen eindringlich und flehentlich auf Chiara gerichtet, fasst Saboto sie so fest an den Armen, dass sie am liebsten aufgeschrieen hätte. Doch sie beißt die Zähne zusammen und versucht mit letzter Kraft, sich von ihm loszureißen. Als er ihren Widerstand bemerkt, lässt er sie sofort los. Chiara will zum Garten durch den Torbogen laufen, doch sie kommt nicht weit. Schon nach wenigen Schritten, spürt sie Erschöpfung und tief in ihr kommt Verzweiflung auf. Während sie sich immer langsamer bewegt, fast im Traum, hallen die letzten Worte von Saboto in ihrem Kopf wider:

„Verlass mich nicht ein zweites Mal, Neri, nicht noch einmal! Bleib bei mir!“

Chiara bleibt stehen, dreht sich zu Saboto um, versucht, sich seine Züge einzuprägen und hebt ihre Hände ineinander gefaltet zur Stirn. Nach diesem letzten Gruß spürt sie eine neue Welle der Energie, die ihren Körper erfasst und als sie ihre Finger sieht, bemerkt sie, dass sich ihr Körper langsam von unten her beginnt, aufzulösen.

„Du bist nicht vergessen! Wir werden uns wieder sehen, in einem anderen Leben. Doch Kli-Nerafta ist für immer für dich verloren. So will es die Göttin und das Schicksal.“ Schließlich löst sich auch ihr Rotoranges krauses Haar auf und Chiara verschwindet in strahlendem Licht.

 

Mit einem Ruck löste Chiara sich von Neris Körper und kehrte wieder zurück in ihren eigenen. Verschwommen sah sie zuerst eine glimmende Glut vor sich, erst dann begriff, sie, dass dies die Überreste des Feuers sein mussten. Beißender Geruch lag in der Luft und Chiara hatte Angst, dass der Alptraum wieder beginnen würde. Und als sie sich umdrehte stand die kleine Hütte des verstorbenen Waisen in Brand. Chiara wollte die anderen warnen, doch eine warme Hand legte sich auf ihre Stirn und das Mädchen glaubte, Nefaratowen erkennen zu können. Diese half ihr nun, sich hinzulegen und deckte Chiara mit warmen Decken zu. Dann sagte sie etwas, doch Chiara war noch immer von der Vision eingenommen und manchmal kam noch immer blitzartig das verzweifelte Gesicht von Saboto in ihr Gedächtnis. Doch sofort nachdem sich Chiara hingelegt hatte, fiel sie in einen ruhigen traumlosen Schlaf.

 

„Herrin, ich werde sogleich zur Insel übersetzen. Habt ihr noch weitere Aufträge für mich?“

„Nein, finde nur heraus, wohin sie gehen wollen und wie gut die Auserwählte ausgebildet ist. Das andere hatten wir ja schon besprochen.“

Behiye saß vor ihrer Kristallkugel und konnte nur noch verschwommen Feskjan erkennen, da er sich schon fast zu nah bei der Insel befand. Mit einer Handbewegung löschte sie das Bild und zurück blieb nur ein geheimnisvolles Flimmern tief im Innern der Kugel.

 

More coming soon! Muss noch überarbeiten!

Julia 2005

 

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