Friends2

Für alle anderen Saras & Melissas da draußen

 

Es war so viel passiert und ich wusste nicht, wie ich die nächste Zeit überstehen sollte. Melissa, meine beste Freundin, kümmerte sich um ihren kranken Vater und blühte in dieser Aufgabe regelrecht auf. Jannick, mit dem ich zwei Tage zusammen gewesen war, kümmerte sich um seine neue Flamme Flo. Nun ja, was heißt neu, sie stand schon immer auf ihn und er nutzte es nun aus, um an der Schule bewundert zu werden. Denn Flo war ausgeschlossen der Traum aller Jungen: dunkles glattes Haar, das ihr seidig um die Schultern floss, ihre Haut braun und ohne ein einziges Speckröllchen, außerdem hatte sie wunderschöne Augen, die wie graue Eisberge aussahen. Ohne Zweifel – sie war hübsch. Doch ich mochte sie nicht. Sie passte mir nicht in den Kragen und auch sonst störte sie immer irgendwo. Und von ihr gab es auch noch eine zweite Ausgabe. Ricky, ihre kleine Schwester, hatte sich an Melissas Freund Patrick rangemacht. Und prompt gewonnen. Doch dann kam heraus, dass er es tun musste, weil seine Eltern Melissa nicht ausstehen konnten. Nun spielte sie das Spiel mit. Patrick und sie trafen sich heimlich, während er offiziell mit Ricky zusammen war, was den Eltern sehr gefiel.

Nur mit Jannick und mir hatte es nicht geklappt – wegen Flo. Aber was half es mir jetzt, wenn ich der Vergangenheit nachweinte? Ich musste in die Zukunft sehen und mich überraschen lassen, was sie mir bringen würde.

Ich war eine Stunde spazieren gegangen und der Knoten meiner Gedanken hatte sich langsam aber sicher gelöst. Melissa hatte recht, ich musste mit Jannick reden, alles andere machte einfach keinen Sinn. Aber warum redete er nicht mit mir? Wenn ich ihm wirklich etwas bedeute, warum ließ er mich einfach links liegen und kümmerte sich lieber um Flo? Es half alles nichts – ich musste den ersten schritt machen und Jannick gezielt darauf ansprechen. Doch wenn ich es in der Schule tun würde, er wäre nur wütend geworden, zweifellos hätte er sich zum Gespött aller Leute gemacht. Also entschied ich mich, ihn ins Ellis zu bestellen und dort mit ihm zu versuchen, in Ruhe zu reden und alles klar zu stellen. Allerdings, wenn die Aktion in die Hose ging, hatte ich wirklich schlechte Karten. Aber ich hatte wenigstens versucht, klare Verhältnisse zu schaffen.

Am Abend rief ich Melissa an und unterbreitete ihr meinen Plan. Melissa freute sich:

„Na siehst du, von deinem Dickkopf ist nichts mehr übrig, wenn du erst einmal über eine Sache richtig nachgedacht hast. Vielleicht wird aus euch beiden ja doch noch etwas...“

„Wie kommst du denn auf so was? Ich könnte es mir zwar vorstellen, aber dann soll Jannick mir und Flo klipp und klar sagen, was los ist. Ich halte es einfach nicht mehr aus! Die ganze Unklarheit und das ständige hin und her der Gefühle. Das ist echt nicht schön. Sei froh, dass sich alles mit Patrick geklärt hat!“

„Ach, und du meinst, das mit dir und Jannick renkt sich nicht mehr ein? Ich sage dir etwas. Wenn jemand gut zusammen passt, dann seid ihr das. Verlass dich drauf!“

„Wenn du dir da so sicher bist, muss es ja stimmen, du bist die Expertin.“

Plötzlich streckte Ma den Kopf in mein Zimmer und sagte streng:

„Jetzt ist aber Schluss, Sara. Ich finde es ja schön, dass du endlich eine Freundin hast, aber deswegen musst du nicht ständig das Telefon blockieren. Ich warte auf einen dringenden Anruf.“

„Etwa schon wieder von Jens?“, Fragte ich seufzend.

„Was ist denn los?“ Kam es von Melissa aus dem Hörer.

„Ich muss aufhören, aber wir sehen uns ja morgen wieder.“

„Ist gut, bis morgen!“

Klick – tut, tut, tut. Auch ich legte auf und sah Ma verzweifelt an. Sie hatte eben auch ihre Schwächen.

In der ersten Pause ging ich zielsicher auf Jannick zu, doch als ich seine fragenden Augen sah, schrumpfte mein Mut auf Null. Mit verwackelter Stimme fragte ich ihn:

„Hast du heute nach der Schule Zeit?“

„Natürlich, wo warst du denn gestern? Ich habe gewartet.“

„Das klären wir später, heute um zwei im Ellis, und“, fügte ich schon nicht mehr so nervös hinzu, „bringe ja nicht Flo mit und sei pünktlich!“

Erleichtert ging ich mit schnellen Schritten auf Melissa zu und strahlte über das ganze Gesicht. Vielleicht war doch noch nicht alles verloren.

Verdammter Mist! , Fluchte ich innerlich. Warum auch musste mich Herr Fink nach der Stunde festhalten. Er hatte mir und Melissa mal wieder eine Standpauke gehalten, da wir heute nicht ruhig sitzen bleiben konnten. Das hatte ich nun von der Vorfreude auf das Treffen mit Jannick. Es war schon fünf nach zwei Uhr und bis zum Ellis brauchte ich mindestens fünf Minuten. Diesmal konnte Jannick mit Recht auf mich sauer sein, schließlich würde ich verspätet kommen. Hoffentlich wartete er auf mich, ich musste es einfach schaffen!

Völlig verschwitzt kam ich vor dem Ellis an. Gerade nahm Jannick seine Jacke und wollte gehen. Ich stürzte auf die Tür zu. Dabei übersah ich, dass sie offen war und so viel ich mit Schwung in Jannicks Arme.

„Da bist du ja endlich!“, Rief er erstaunt.

„Ich  habe dich nicht vergessen, aber der Fink hat mich mal wieder aufgehalten. Verzeihst du mir?“, fragte ich.

„Vergessen und vergeben“, antwortete er und wir setzten uns an einen Tisch, denn alle Leute im Café drehten sich schon nach uns um.

„Warum warst du gestern nicht hier? Ich habe eine viertel Stunde auf dich gewartet.“, begann ich ein Gespräch anzufangen.

„Das tut mir ja auch leid, aber ich musste auf Lilli aufpassen, meine kleine Schwester. Also habe ich sie in den Kinderwagen gepackt und bin hier her gedüst, aber von dir keine Spur. Dann bin ich gegangen, ich war ziemlich enttäuscht und dachte du wolltest mich nur hereinlegen. Aber das war nicht so, oder?“, antwortete Jannick.

„Nein, ich wollte dich weder reinlegen, noch mit dir streiten. Ich wollte doch nur klare Verhältnisse schaffen! Ich war schon geschockt, als du nach zwei Tagen nicht mehr um unsere Liebe gekämpft hast. Bin ich dir wirklich so wenig wert? Und das mit Flo... sie hat es ausgenutzt, dass ich Schluss gemacht hatte und dich um den kleinen Finger gewickelt. Ich will einfach nur wissen: Wenn wir nicht zusammen sein können, können wir dann nicht wenigstens Freunde bleiben?“

„Sara, das hast du alles falsch verstanden! Ich habe nicht mehr um unsere Liebe gekämpft, weil du mich nicht beachtest hast. Ich dachte, du willst nichts mehr von mir wissen. Und Flo hat mich nur getröstet wie eine gute Freundin und dann... ich weiß auch nicht. In einer Pause haben wir uns eben geküsst. Flo dachte, dass wir jetzt zusammen wären, aber ich wollte das alles nicht! Es ist einfach passiert!“

„Wie konnte ich nur so dumm sein? Und ich dachte, du willst mich mit Flo eifersüchtig machen. Ma und Melissa sagten, dass...“

„Machst du immer alles was Melissa und deine Ma dir sagen?“, Warf Jannick ein, „Sara, du musst lernen, für dich Selbst zu entscheiden und nicht immer alles den anderen zu überlassen. Oder springst du aus dem Fenster, weil Melissa es gesagt hat?“

Ernst sah Jannick mich an. Wie Recht er hatte! Plötzlich musste ich lachen. Jannick schaute mich irritiert an und ich sagte:

„Komm, lass uns im Park ein bisschen spazieren gehen, hier ist wirklich nicht der Ort, an dem man in Ruhe reden kann.“

Ich wusste, warum wir ganz schnell verschwinden mussten. Jannick saß zur Tür, deshalb hatte er auch nicht Flo gesehen, die uns misstrauisch beobachtete und dann an einen Tisch am Fenster Platz nahm. Dabei ließ sie uns für keinen Moment aus den Augen. Jannick riss mich aus meinen Gedanken:

„Das ist eine gute Idee, warte ich zahle für dich, du bist eingeladen.“

„Danke für die Einladung“, sagte ich geistesabwesend und zog meine leichte Jacke an. Wie konnten wir unbemerkt an Flo vorbei kommen? Und wenn sie Jannick sah, war sowieso wieder alles kaputt.

Irgendwie hatten wir es geschafft, an Flo vorbeizukommen, ohne dass sie uns bemerkte.

Im Park war es schattig und nur hier und da lugte die Sonne durch das dichte Blätterwerk. Es war ein lauer Tag Ende April und diesmal passte das Wetter perfekt zu meiner Stimmung. Denn das, was Jannick gesagt hatte, war schon eine halbe Liebeserklärung gewesen. Auf jeden Fall brauchte ich mir keine Sorgen mehr über Flo zu machen, Jannick wollte nichts von ihr. Trotzdem hatte ich ein bisschen ein mulmiges Gefühl im Bauch, ob er das gleiche fühlte wie ich? Mir blieb keine Zeit mehr, weiter zu grübeln, da Jannick fragte:

„Flo ist für mich kein Thema mehr, ich schwöre es dir.“

Inzwischen waren wir am Brunnen angekommen, um den viele Blumen gepflanzt waren.

„Wirklich? Gibt es einen Beweis dafür?“, Jetzt oder nie, dachte ich mir dazu. War ich ihm etwas wert?

„Du bedeutest mir sehr viel, Sara, nicht einmal hundert Flos sind so einzigartig wie du. Ich weiß, dass du dich nur für mich so verändert hast. Ich meine du hast vorher auch hübsch ausgesehen, aber...“

Anscheinend wusste er nicht mehr weiter. Ich konnte meine Enttäuschung gerade noch verbergen. Und dabei hatte alles so schön angefangen.

„Wenn du sie wirklich liebst, dann küss sie!“

Erschrocken drehte ich mich um. Vor mir stand Flo, wie immer perfekt, doch als ich genauer hinsah, bemerkte ich, dass sie geweint hatte, denn unter den eisblauen Augen hatte sie verschmierte schwarze Streifen.

Jannick und ich rührten uns nicht.

„Nun mach schon!“, Drängte Flo mit tränenerstickter Stimme, „sonst werdet ihr heute nicht mehr fertig.“

Jannick sah mir in die Augen, mit diesem süßen Dackelblick, den ich so liebte. Ich zwang mich, den Blick auf Flo zu richten und fragte:

„Warum willst du, dass wir uns küssen? Du willst Jannick und jetzt sagst du ihm, er soll eine andere küssen? Deine Logik möchte ich haben!“

„Ganz einfach“, antwortete Flo, „Ihr beide gehört zusammen, ich werde mich nicht mehr einmischen. Aber wenn du auch nur einen kleinen Augenblick nicht aufpasst, Sara, werde ich meine Chance nutzen und ich gebe dir keine zweite!“

Mit diesen Worten drehte sie sich um und ging.

„Ich verstehe Flo nicht. Ich würde niemals meiner Rivalin kampflos den Schwarm überlassen.“, grübelte ich.

Jannick und ich saßen auf einer Bank in der Sonne. Er hatte seinen Arm um meine Schulter gelegt und ich genoss es.

„Sie hat nicht aufgegeben, sie hat mit sich gekämpft. Sie wird trotzdem versuchen, uns auseinander zu bringen.“

„Ich hätte das aber nicht gemacht.“

„Du bist auch ganz anders als sie“, antwortete Jannick, „Sara, es tut mir leid, was ich zu dir gesagt habe, du hättest dich meinetwegen nicht so verändern brauchen.“

„Aber ich fühle mich damit wohl. Und ich muss sagen, ich war vorher wirklich ein Mauerblümchen. Nicht nur du hast mich so verändert, Melissa hat auch ein bisschen Teil daran. Es ist aber trotzdem schön, dass du dich entschuldigt hast. Du bist wirklich süß.“

Statt einer Antwort bekam ich einen Kuss, unseren ersten Kuss nach drei endlosen Wochen Streit.

Als ich am Abend freudestrahlend zu hause ankam, glühte mein Gesicht und  meine Augen leuchteten. Ich hörte Ma in der Küche rumoren, deshalb duschte ich mich zuerst. Dann erschien ich frisch gebadet in der Küche. An der Tür hätte mich fast der Schlag getroffen. Ma hatte Jens eingeladen und die zwei stellten anscheinend gerade die Küche auf den Kopf. Schnell eilte ich zum Herd, da die Milch überkochte. Ma war keine besonders gute Köchin, doch Jens war in seinem Element. Daher war er früher am Topf und ich prallte an seinen massigen Körper. Ich verzog das Gesicht. Von Deo hatte Jens wohl noch nie etwas gehört. Rasch verzog ich mich in mein Zimmer und rief Melissa an. Ich musste ihr unbedingt von Jannick erzählen.

Doch es war nur der Anrufbeantworter an. Ach ja, heute war ja Freitag! Melissa durfte heute zum ersten Mal ihren wieder gesunden Vater zu einem wichtigem Geschäftsessen begleiten. Wahrscheinlich wollte er nur nicht allein unter den ganzen Ehepaaren sein, deshalb hatte er seine Tochter mitgenommen. Egal, ich sprach auf das Band und sagte, dass ich Melissa morgen einmal anrufen würde.

Am Morgen erwachte ich spät, erst um Neun Uhr. In der Wohnung war alles still, wahrscheinlich schlief Ma noch. Also schnappte ich mir das schnurlose Telefon, kroch in mein noch angewärmtes Bett und wählte Melissas Nummer. Nachdem  ich Martha endlich alle lästigen Fragen beantwortet hatte, und sie mir Melissa gab, erzählte ich ihr von Ma und Jens und dass ich ihn nicht sehr mochte. Natürlich ließ ich Jannick auch nicht aus und erzählte von unserem schönen Nachmittag. Doch als ich geendet hatte, bemerkte ich, dass Melissa schniefte.

„Was ist denn los?“, fragte ich, „ist es wegen deinem Vater? Ist etwas passiert?“

„Nein, ihm geht es gut. Aber vor zehn Minuten hat mich Patrick angerufen und gesagt,  dass er es mit Ricky nicht mehr aushält und er sich nicht mehr mit mir treffen kann. Denn – und jetzt kommt das schlimmste – Flo hat uns gesehen und ihr das natürlich brühwarm erzählt, mit wem sich da ihr sauberer Freund rumtreibt. Er trifft sich um halb elf im Müller Cafe´ mit ihr, um ihr alles zu erzählen. Über mich und ihn und dass er Ricky alles vorgeschwindelt hat. Was denkst du, was da los ist? Er bekommt Ärger, Ricky lässt das sicher nicht auf sich sitzen und geht zu seinen Eltern. Die wiederum werden bestimmt meinen Vater informieren und dann kann ich mich begraben lassen! Er mag die Müllers nicht besonders. Ach Sara, was soll ich bloß tun? Ich will nicht, dass nur wegen Ricky alles kaputt geht!“

„Geh zu ihm und sage, dass er dir dadurch Ärger bereitet und er sich damit bestimmt selbst ins Fleisch schneidet. Rede es ihm aus, wenn er dich liebt, macht er´s nicht. Wenn du willst, begleite ich dich.“

„Na gut, ich werde es versuchen. Danke, dass du mitkommst. Allein schaffe ich das nicht.“

„Gut, wir treffen uns vorm Müller Cafe´. Bis dann!“

„Danke Sara!“

Nun musste ich mich ganz schön beeilen. Doch als ich vor dem besten Cafe´ der Stadt stand,  war weit und breit keine Melissa zu sehen. Stattdessen kam Patrick auf seinem City Roller angeflitzt. Sollte ich ihm die Meinung sagen? Oder das lieber Melissa überlassen? Bevor ich einen Entschluss gefasst hatte, stand schon Patrick vor mir und sagte:

„Hi Sara, lange nicht mehr gesehen. Wie läuft´s denn mit Jannick? Ich habe gehört, ihr liegt euch wegen Flo mächtig in der Wolle.“

„Stimmt. Aber wir haben uns ausgesprochen. Übrigens, das solltest du auch einmal mit Melissa machen. Jetzt hast du die Gelegenheit dazu, da vorne kommt sie. Ich lasse euch besser alleine. Wir sehen uns bestimmt bald wieder!“

Schnell machte ich mich aus dem Staub. Hoffentlich war mir Melissa deswegen nicht böse, aber sie musste das selbst regeln. Schließlich waren Jannick und ich auch nur durch ihre Ratschläge, aber ohne ihre Taten zusammen gekommen.

Sehnsüchtig wartete ich den ganzen Nachmittag auf einen Anruf von Melissa. Irgendetwas musste doch passiert sein. Nach einer Weile entschied ich mich, Jannick anzurufen und mit ihm dann ganz „zufällig“ im Müller Cafe´ aufzukreuzen. Natürlich erzählte ich Jannick auch, was überhaupt geschehen war und warum wir da unbedingt hin mussten. Mit Mühe und Not konnte ich ihn dazu überreden, mit mir dorthin zu gehen. Aber ich wurde enttäuscht. Weder Melissa, noch Patrick war zu sehen. Nur Ricky stand, als sie uns erblickt hatte, auf und zischte mir im Vorübergehen zu:

„Feine Freundin hast du. Pass auf, sonst spannt sie dir auch noch den Freund aus!“

Mit einem spöttischen Blick schaute ich ihr hinterher, Jannick nahm mich an der Hand und wir gingen noch ein bisschen in der Altstadt spazieren.

Der Sonntag verging ohne große Ereignisse. Ich konnte Melissa nicht erreichen und schließlich vergaß ich sie ganz.

Montag konnte ich ausschlafen, da Ferien waren. Doch irgendwann wurde es mir zu langweilig. Barfuss tappte ich in die Küche. Ma war schon in der Arbeit und so konnte ich ungestört den Brief lesen, den ich auf der Theke gefunden hatte. Er war von meinem Cousin Lukas. Was wollte er denn? Er schrieb mir eigentlich nur, wenn er irgendetwas von mir brauchte, wie zum Beispiel Geld. Als ich den Brief gelesen hatte, war ich überrascht. Er fragte, ob er in den Sommerferien zu mir kommen dürfe. Er wollte weg vom Land, wo er mit seinen Eltern auf einem Bauernhof lebte. Ich wohnte zwar in einer Kleinstadt, aber das ist besser, als auf dem Land zu versauern, schrieb er. Seine Eltern waren einverstanden, dass er vier Wochen bei Ma und mir in den Sommerferien wohnen würde. Ich freute mich, ihn endlich einmal wieder zu sehen. Das letzte Mal als wir uns gesehen hatten, hatte seine älteste Schwester Jaqueline geheiratet. Ich war damals 5 Jahre alt, er 7 gewesen. Auf der Hochzeit waren wir in die Küche geschlichen und hatten uns etwas vom Pudding stibitzt. Das blieb natürlich nicht unbemerkt und so standen wir mit gesenkten Köpfen vor unseren Eltern. Ich schmunzelte. Es war immer lustig mit ihm gewesen und so freute ich mich sehr auf sein Kommen.

Ma war nicht sehr überrascht, als ich ihr den Brief am Abend vorlas. Sie hatte vorher schon mit ihm und seinen Eltern telefoniert und wusste über alles bestens Bescheid. Wir wurden in einer heißen Diskussion um die Zimmerverteilung vom Telefon unterbrochen. Ich stürzte darauf zu, ich hatte schon lange nichts mehr von Melissa gehört und freute mich umso mehr , als ich ihre Stimme hörte:

„Sara, ich muss dir etwas ganz wichtiges sagen!“, rief sie mir aufgeregt aus dem Hörer entgegen, „können wir uns morgen im Ellis treffen?“

Ich war völlig verwirrt: „Was ist denn los mit dir? Geht’s dir noch gut?“

„Aber klar! Ich bin morgen um 10.00 Uhr im Ellis, kommst du auch?“

„Klar, bis morgen!“

Ich zerbrach mir den Kopf auf dem Weg zum Ellis. Was konnte sie mir erzählen wollen?

Im Ellis wartete Melissa schon aufgeregt auf mich. Ich setzte mich und bestellte ein Wasser, dann sagte ich:

„Spann mich nicht so auf die Folter, was ist denn nun?“

„Na gut. Meinem Vater geht es von Tag zu Tag besser, das weißt du ja. Jetzt hat er beschlossen, dass wir in den Sommerferien nach Spanien fliegen, für ganze vier Wochen! Und jetzt kommt der Hammer: Du und deine Ma dürfen mit! Das wird bestimmt super!“

„Oh, Melissa, die Einladung kann ich nicht annehmen!“

Alles hatte ich erwartet, nur dass nicht. Da fiel mir Lukas ein. Ich hatte ihn schon angerufen und zugesagt. Doch Spanien hörte sich auch nicht schlecht an...

„Du freust dich ja gar nicht!“, enttäuscht schaute Melissa mich an.

„Doch. Und ich danke dir für die Einladung, aber Ma und Ich können sie nicht annehmen.“

„Warum denn nicht? Geld spielt keine Rolle, das weißt du doch!“

„Das ist es auch gar nicht. In den Sommerferien kommt für vier Wochen mein Cousin Lukas. Tut mir leid, Melissa, meine Ma und ich bleiben zu hause.“

„Aber das ist doch gar kein Thema! Wenn er will,  kann er natürlich mit. Hier“, sie drückte mir ihr neues Handy in die Hand, „ruf ihn an und frag ihn, ob er mit will.“

„Melissa, du spinnst! Das mach ich nicht! Ich will erst einmal mit Ma darüber reden, o.k.? Wenn sie einverstanden ist, werde ich Lukas anrufen und ihn fragen. Möchte er aber hierher kommen, werde ich zu hause bleiben.“

„Du hast ja Recht, aber ich bin einfach so aufgeregt. Vielleicht treffen wir ja auch ein paar süße Boys...“

„Bist du Patrick denn nicht treu?!“, fassungslos sah ich Melissa an. Ich hielt sie für vernünftig und dachte, dass sie aus der Sache mit Ricky und Patrick gelernt hatte. War sie ein Flittchen?

„Du verstehst mich falsch. Ich meine doch nur ein bisschen flirten, was ist schon dabei? Nicht viel. Ich lass mich schon auf nichts ein und wahrscheinlich ist ja auch Lukas dabei. Mal schauen wie der so ist. Mach dir darüber mal keine Sorgen.“

So einfach stellte ich mir das zwar nicht vor, aber ich wollte nicht mit Melissa streiten. Ich verabschiedete mich und versprach, gleich mit Ma zu reden.

 „Sara, du willst doch etwa nicht mit nach Spanien fliegen?!“ Ma´s Stimme klang schrill. Sie war ganz und gar nicht mit Melissas Angebot einverstanden.

„Wie stellst du dir das denn vor?“, fragte sie mich, „nur weil Melissa etwas mehr Geld hat als wir, kannst du dich doch von ihr nicht einladen lassen und dann auch noch nach Spanien, so weit weg.“

„Ma“, unterbrach ich sie, „ wir reden hier nicht vom Mond. So weit ist es ja gar nicht. Und Melissa hat schließlich auch dich und Lukas eingeladen. Ich hab mich schon so gefreut.“

„Na gut, ich werde mal mit Herrn Hart reden, ob es ihm wirklich nichts ausmacht. Und jetzt rufst du Lukas an.“

Seufzend tippte ich die Telefonnummer ein. Wenn Tante Maria ran gehen würde, würde das Telefonat mal wieder Stunden dauern. Sie redete und redete und redete. Lukas riss mich aus meinen Gedanken.

„Lukas Schmidt“

„Hallo Lukas, hier ist Sara. Ich habe eine kleine Frage an dich. Meine Freundin Melissa hat dich, Ma und mich auf private Finca in Spanien eingeladen. Allerdings kannst du dann nicht in den Sommerferien kommen, da wir genau die vier Wochen in Spanien wären. Wenn du nicht mitkommen willst, musst du es nur sagen, dann bleiben Ma und ich zu hause und du kannst zu uns kommen... Lukas bist du noch dran?“

„Das ist ... Wow, danke für die Einladung, Sara, sag Melissa vielen, vielen Dank. Ich nehme an, allerdings muss ich das noch mit meinen Eltern regeln, ist deine Ma in der Nähe? Dann kann sie gleich mit Maria reden.“

„Ich rufe dich noch einmal an, ok? Bis dann, tschüss!“

Ich gab den Hörer an Ma weiter. Bis sie und Tante Maria fertig wären, würde es noch einige Zeit dauern.

Tja, was sollte ich jetzt tun? Ich schwang mich auf mein Fahrrad und fuhr zu Melissa, mal schauen, ob sie zu hause war.

Ich klingelte bei Melissa vergeblich. Nicht einmal Martha war da. Missmutig setzte ich mich wieder auf mein Fahrrad und fuhr etwas durch die Gegend. Auf dem Weg kam ich am Haus von Flo und Ricky vorbei. Es war das protzigste Haus in der ganzen Straße. Wie konnte man in so einem Haus nur wohnen? Das war mir schon lange ein Rätsel.

„Sara!“, hörte ich meinen Namen. Verwirrt hielt ich an blickte mich um. Wer hatte mich gerufen?

„Hier drüben!“ Jetzt konnte ich Patrick ausmachen, der gerade aus dem Hoftor der Villa von Flo und Ricky. Warum war er denn bei Ricky gewesen, wenn er ihr alles gesagt hatte, würde er kaum so wie ein Honigkuchenpferd grinsen. Er war nun bei mir und sah meinen irritierten Blick. Deshalb erklärte er mir:

„Ich hab es ihr nicht gesagt, das wolltest du doch wissen, oder?“

„Ja, genau“, antwortete ich verblüfft, „woher wusstest du das?“

„Ist doch ganz einfach. Du warst am Müller Cafe´  und bist Melissas beste Freundin, der sie alles erzählt. Man muss gar nicht so viel raten, ein Verstand, der so einigermaßen funktioniert, weiß das auch so.“

„Warum hat mich Ricky aber dann so angefahren, sie sagte, ich soll aufpassen, sonst spannt sie mir Jannick noch aus. Was sollte das denn heißen?“

„Keep cool! Sie hat es nur so gesagt, weil Melissa reingeplatzt ist, als ich es Ricky sagen wollte. Ich musste nur einmal in ihre flehenden Augen sehen, um meinen Mund zu halten. Ich redete mich raus, dass ich ihr nur sagen wollte, dass ich sie über alles liebe und dass sie mir nicht mehr aus dem Kopf geht, was alles total gelogen ist, aber sie hat es natürlich nicht gecheckt, dass ich sie anlüge. Ich glaube, sie war sogar erleichtert, als ich ihr das sagte, vielleicht glaubte sie, dass ich mich doch für Melissa entscheiden würde. Aber eigentlich ist alles schon entschieden. Ich warte nur noch auf den richtigen Moment, um es Ricky zu sagen, dass ich sie nach Strich und Faden mit Melissa betrogen habe, obwohl ich ja nie mit Ricky zusammen sein wollte, es war so zusagen aus der Not heraus. Seit zwei Wochen versuche ich schon, meinen Eltern zu verdeutlichen, dass die Harts gar nicht so schlimm sind, aber bisher zeigen sich nur kleine Erfolge.“

„Das wird schon wieder, keine Sorge. Und wenn gar nichts mehr hilft, müssen Melissa und du eben da durch, ich glaube, das stärkt eure Liebe noch mehr. Ich hoffe es für euch beide.“

„Oh je“, Patrick schaute auf seine Armbanduhr, „ich muss zum Klavierunterricht, wegen meinen Eltern. Wir sehen uns wieder. Tschüss Sara!“

Allein fuhr ich wieder nach hause, duschte mich und lernte etwas von den Englischvokabeln.

„Nur noch fünf Minuten!“ verschlafen drehte ich mich auf die andere Seite. Doch Ma zog mir ohne jedes Erbarmen die Decke weg.

„Vergiss es! Es ist schon 11.00 Uhr, höchste zeit zum aufstehen. Außerdem ist heute ein besonderer Tag.“

„Du hast doch gar nicht Geburtstag und ich auch nicht. Also, was soll schon sein?“

„Um zwölf Uhr sind wir mit Jens und Tamara im Restaurant verabredet und jetzt komm endlich aus den Federn!“

„Was?!“, ich schreckte aus dem Bett hoch, wie von der Tarantel gestochen. Mit Ma´s Freund und dessen Tochter Mittagessen? Nein, danke, darauf konnte ich gerne verzichten.

„Da kannst du alleine hingehen, ich hab was besseres zu tun, als mich dort rein zu hocken und das Gelaber von Jens und Tamara anzuhören“, sagte ich trotzig, als ich bei meinem Tee in der Hand in der Tür zum Badezimmer stand. Ma war mal wieder total nervös, was sie anziehen sollte. Ich warf ihr den schwarzen Blazer zu und einen roten  dünnen Pullover. Währendessen hielt mir Ma eine Standpauke, wie ich sie nur sehr selten bei ihr erlebt hatte:

„Sara, ich habe immer alles mögliche getan, um dir ein halbwegs anständiges Leben zu verschaffen. Kannst du denn nicht einmal auch an mich denken? Endlich habe ich das Gefühl, dass ich den richtigen getroffen habe und was machst du? Du zerstörst permanent mein Glück.“

Ma schnaufte tief ein und aus, dann begann sie von neuem:

„Ich kann ja verstehen, dass es eine große Umstellung für dich ist, mich plötzlich mit jemand anderem zu teilen. Aber dachtest du, ich hatte es immer leicht? Nachdem mich dein Vater sitzen gelassen hatte, stand ich plötzlich ganz allein da. Ich musste wegen dir mein Jurastudium aufgeben und habe irgendwelche halbwegs vernünftige Jobs angenommen. Mir blieb keine Zeit für Beziehungen. Jetzt, wo du endlich etwas größer bist und es eigentlich etwas verstehen müsstest, machst du wieder alles kaputt. Bitte, sei nicht so zickig und komm mit, nur dieses eine mal. Von mir aus kannst du dich auch ganz schwarz anziehen, aber Hauptsache, du kommst mit.“

So hatte ich das noch gar nicht gesehen. Schließlich konnte ich mich durchringen und willigte ein, aber ich wollte es ihr nicht zu leicht machen. Ich zog eine Schlagjeans, die ich mit Melissa gekauft hatte, und eine leichte Kapuzenjacke an, darüber meine heißgeliebte ausgewaschene Jeansjacke.  Mit schwarzem Eyeliner umrahmte ich mir dick die Augen, tuschte die Wimpern mit Tusche und trug stark dunkelbraunen Lidschatten auf. Ich sah aus wie ein Grufti und grinste mein Spiegelbild siegessicher an. Jens würde mich nicht leiden können, dafür würde ich sorgen.

Schon im Auto merkte ich, dass Ma nervöser war, als sie zugab. Sie fuhr dreimal bei orange über die Ampel und auch sonst fuhr sie nicht sehr umsichtig. Beim Italiener angekommen, schaute sie sich ganz nervös um und wischte sich die Finger an der Hose ab. Ich verdrehte nur die Augen. Warum regte sie sich denn über die Verabredung so auf? Als ob da etwas dabei wäre.

Ich ließ meinen Blick durch den großen hell erleuchteten verqualmten Raum schweifen. Sehr fein hier alles. Seit wann konnten wir uns das denn leisten? Ich stach aus der Menge heraus, ich hatte nicht damit gerechnet, dass wir in ein so teures Restaurant gehen würden.

„Mist“, dachte ich, „ich passe hier überhaupt nicht herein. Tja, jetzt bin ich schon hier, also lass ich mich deswegen nicht aus der Ruhe bringen.“

Ma hatte inzwischen Jens und Tamara entdeckt und winkte wie eine Wilde.

„Mein Gott wie peinlich“, zischte mir jemand plötzlich ins Ohr.

„Nein, nein, nein, das darf doch nicht wahr sein“, dachte ich bei mir, „Ricky, ausgerechnet Ricky und Flo!“

„Hallo Sara“, begrüßte mich Flo kühl.

„Hi“, antwortete ich und folgte dann Ma, die auf den Tisch von Jens und Tamara zusteuerte.

Zur Begrüßung bekam ich ein Küsschen auf die Wange und einen festen Handdruck. Igitt, Jens hatte viel zu viel Rasierwasser erwischt. Er stank heftiger als jede Parfümerie. Tamara war dunkelhäutiger als Jens und sah nach orientalischer Abstammung aus. Ihr langes schwarzes Haar hatte sie in viele kleine Zöpfchen geflochten, die ihr ins Gesicht fielen, als sie aufstand, um mich und Ma zu begrüßen. Ihre grünen Augen sahen wie die von Jens aus, aber ich fand, Tamara standen sie viel besser. Ihre etwas mandelförmigen Augen war wie meine schwarz umrandet und ihr voller Mund war dunkelbraun geschminkt.

Nachdem Ma und ich uns gesetzt hatten, kam der Ober und reichte uns die Speisekarten. Oh mein Gott, was ist denn das für ein ganzes zeug?

„Super, was soll ich denn hier essen? Ich kenne nicht mal die Hälfte, was hier steht!“ flüsterte ich Ma zu. Diese murmelte aber nur:

„Nimm, was dir schmeckt, schau nicht aufs Geld, heute musst du´s einmal nicht machen.“ Na toll, das half mir jetzt weiter.

Verwirrt blickte ich zu Tamara, der es anscheinend genauso ging wie mir. Ich beugte mich zu ihr und fragte:

„Weißt du, was das alles heißen soll? Ich hab keine Ahnung!“

„Denkst du ich? Hätten die sich nicht etwas anderes ausdenken können? Hat Marion dich gezwungen, mitzukommen? Jens hat einen Riesen Aufstand zu hause gemacht und wollte mir schon den Ausgang verbieten, aber dann hab ich nachgegeben, aber ich hab mir geschworen, es den beiden nicht leicht zu machen. Hilfst du mir?“

„Keine Angst, bei mir lief das gleiche ab. Was schlägst du vor?“

„Was hasst deine Ma am meisten?

„Das Rauchen. Und vor allem, wenn man in ihrer Wohnung raucht.“

„Das ist gut, Jens ist leidenschaftlicher Raucher, ohne Zigaretten geht er nicht aus dem Haus – und ich auch nicht.“

„Du rauchst? Hätte ich dir nicht zugetraut. Wie alt bist du denn?“

„Ach Quatsch, doch nur um deine Ma zu ärgern. Jens hat es mir nicht verboten zu rauchen, weil er es ja selbst macht. Ich bin 15, noch ein Jahr und ich darf auch öffentlich rauchen. Das wird eine Gaudi, ihn damit aufzuziehen.“

„Du meinst, wir sollen rauchen, um meine Ma auf die Palme zu bringen? Sorry, aber ich hab das noch nie gemacht!“

„Keine Sorge, so schwer ist es gar nicht. Also, machst du mit oder nicht?“

„Ok“, schlug ich nach kurzem zögern ein, „aber wenn du denkst, ich rauch jetzt immer, wenn Ma in der Nähe ist, irrst du dich. Klar?“

„Klar“

„Ihr versteht euch ja hervorragend.“ Ma hatte uns anscheinend beobachtet und wohlwollend belächelte sie uns. Ich verdrehte die Augen.

Während des Essen redeten wir nur über belangloses Zeug und innerlich freute ich mich auf den Nachhauseweg.

Endlich rangen sich Jens und Ma durch, zu zahlen. Tamara und ich sagten, dass wir schon mal rausgehen und dort auf sie warten würden.

Tamara gab mir eine Zigarette, die ich in einem passenden Moment rauchen sollte. Bevor Ma kam, sagte Tamara noch schnell zu mir:

„Du solltest aber aufpassen, dass du den Rauch nicht richtig einatmest, sonst wird dir schnell schlecht. Und versuch, möglichst deine Kleidung mit dem Rauch einzuqualmen. Das riecht nämlich fürchterlich.“

Ich nickte mit dem Kopf, denn ich sah Jens, der Ma elegant in den Mantel half. Was für ein Schleimer. Anscheinend hatte er geschnallt, dass Ma total auf die „Alte Schule“, wie sie es nannte,  abfuhr. Also in den Mantel helfen, die Tür aufhalten etc.

Ma fragte begeistert:

„So und jetzt gehen wir alle in den Zoo, was haltet ihr davon?“

Ein Blick zu Tamara reichte aus, um die Lage einzuschätzen. Nicht  mit uns.

„Findet ihr das etwa nicht so toll?“ fragte Ma, nachdem keiner etwas sagte.

„Ma, hast du es nicht verstanden? Wir wollen nicht mit. In den Zoo gehen kannst du mit Jens, aber nicht mit mir, ich gehe da nicht mit.“ Sagte ich in bedrohlich leisem Tonfall zu Ma. Diese antwortete scharf:

„So, das reicht jetzt. Du hast dir zu viel erlaubt, mein Fräulein. Du kommst mit in den Zoo, ob du willst oder nicht. Und du Tamara kommst auch mit.“

„Sie sind nicht meine Mutter“, antwortete Tamara kühl, „Sie haben mir nichts zu sagen, ok?“

Ma schnaubte kurz, dann sagte sie ungewöhnlich ruhig:

„Gut, wenn ihr das so seht, bleibt ihr eben hier.“

Da schaltete sich Jens ein:

„Ich hab eigentlich auch keine Lust in den Zoo, Marion. Mir ist gerade eingefallen, dass ich noch einen Bericht bis Morgen schreiben muss. Aber natürlich bringe ich dich noch nach hause.“

Ma gab sich zwar geschlagen, aber nur ungern, wie es ihr anzusehen war.

„Ciao, Tamara“, sagte ich, „Aber wir bleiben in Kontakt, oder?“

„Klar. Hier meine Adresse. Fährst du jetzt noch mit uns zu euch?“

Ich verneinte:

„Ich brauch erst mal Abstand. Tschüß!“

„Kann ich verstehen. Ciao“

Tamara stieg in den royal blauen Mercedes und winkte noch einmal zum Abschied.

Ich hatte keine Ahnung, was ich jetzt machen sollte. Toll, jetzt stand ich also da, alleine und wusste nicht, wohin. Nach hause gehen – ausgeschlossen! Dort würde mich nur eine weitere Diskussion empfangen. Ich hatte noch ein bisschen Geld in meiner Hosentasche gefunden, damit würde  ich zu Melissa fahren können. Als ich endlich die Buslinie gefunden hatte, die zu ihr fuhr, war der Bus schon weg. Super, eine halbe Stunde warten! Missmutig setzte ich mich auf eine kalte Holzbank, um zu warten. Warum hatte ich kein Handy? Damit könnte ich jetzt Melissa mein Problem schildern und eine SMS schreiben. Aber nein, ein Handy hat zu viele Strahlen, das schadet ja dem kleinen Mädchen.

 

Viele kritisierten mich, dass ich wahrscheinlich nicht weiter schreiben werde, aber im Moment sieht es nicht so aus, als gäbe es eine Fortsetzung. Aber wer weiß, wenn ich "Chiara" abgeschlossen habe, vielleicht wende ich mich dann wieder diesem Teil zu.

Julia 2004

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