Friends

 

"Friends" war mein erstes Projekt, das ich richtig aufschrieb und auf meiner übervollen Festplatte lange gespeichert habe. Wie immer eine ein paar Bitten:

 1. Kein Kopieren bzw. bitte vorher fragen!

2. Bitte nicht  mit "Woher hastn des alles?" anfangen!

3. Achtung für alle, die es ausdrucken wollen: zwischen 15-17 Seiten!

 

 

 

Der Wecker klingelte. Ich stellte ihn aus und stand auf.  Gemütlich zog ich mir meine Lieblingsjeans und ein gelbes T-Shirt an. In der Küche schmierte ich mir noch schnell ein Pausenbrot. Dann machte ich mich auf in die Schule. Dort angekommen wartete ich brav bis es zur Stunde läutete und ging schweigend und allein ins Klassenzimmer. Ich war wie immer die Erste. Schließlich kam auch der Rest meiner Klasse. Ein neues Mädchen war dabei. Es stand in der Mitte des Zimmers und wusste jetzt anscheinend nicht, was es tun sollte. Ich wollte gerade zu ihr gehen, als Frau Linger, unsere Mathematiklehrerin, eintrat und mich mit scharfem Ton auf meinen Platz wies. Frau Linger hatte das Mädchen bemerkt und sprach nun mit ihm. Dann sagte sie zur Klasse:

„ Ruhe! Das hier ist Melissa. Sie ist neu in der Stadt und ich bitte euch ihr alles zu zeigen und zu erklären. So, du kannst dich hier neben Sara setzen, dort ist noch ein Platz frei. Gut, wir machen mit dem weiter, wo wir gestern aufgehört haben. Schlagt bitte Seite 36 auf. Christian, lies vor!“

Währendessen hatte sich Melissa neben mich gesetzt. Sie hatte rehbraune Haare, die hochgesteckt waren und hatte eine schlanke Figur. Außerdem hüllten modische Designerklamotten sie ein. Eigentlich müsste sie neben Ricky sitzen, unserer Obertussi. Vielleicht würde sie das in der nächsten Zeit auch tun. Auf jeden Fall war mir Melissa sympathisch, aber irgendwie auch nicht. Eines wunderte mich: Sie war eine sehr gute Schülerin. Das war ungewöhnlich, denn ich war bis jetzt immer Klassenbeste und sah nicht so aus wie sie. Ich war eigentlich das Mauerblümchen mit meinen blonden langen ungepflegten Haaren, war etwas pummelig und nicht sehr hübsch, wie ich fand.

In der nächsten Pause wurde Melissa buchstäblich belagert. Natürlich war Ricky ganz vorn, wie ich mir das schon gedacht hatte. Aber Melissa schüttelte alle ab. Ich stand wie immer an „meiner“ Linde und aß mein Pausenbrot. Plötzlich tauchte Melissa neben mir alleine auf. „Was willst du?“, fragte ich mürrisch, denn ich hatte keine Lust mich über Mode oder Stars zu unterhalten.

„Bist du hier immer alleine? Ich meine hast du keine Freundin oder so?“, fragte sie mich neugierig.

„Warum willst du das wissen? Wieso bist du nicht mit Ricky und ihrer Clique zusammen?  Glaub mir, da bist du besser aufgehoben!“

„Bei den Tussen? ! Du siehst dir wohl bei den Menschen nur die Fassade an und denkst, dass sie auch so einen Charakter haben. Aber nicht jeder ist so, wie er aussieht. Denk mal drüber nach!“ Schon klingelte es und wir mussten wieder zurück in die Klasse.

Das gab mir allerdings zu denken. Die Schule verging wie im Flug. Zu Hause wärmte

ich mir mein Essen in der Mikrowelle auf, stocherte aber nur darin herum. Stimmte es wirklich? Beurteilte ich meine Mitmenschen nach ihrem Aussehen? Das, was Melissa zu mir sagte gab mir noch lange zu denken. Als ich abends noch wach im Bett lag, hörte ich wie meine Mutter die Haustür aufschloss und hinter ihr  die Tür zu knallte. Ich ahnte es, ihr neuer Freund hatte sie verlassen oder sie hatten mal wieder Streit. Ich vermutete Letzteres, womit ich Recht behielt. Einige Zeit später streckte meine Mutter den Kopf durch die Tür.

„ Kind, du bist ja immer noch wach!“, seufzte sie.

„Ma, es ist halb zehn! Das ist doch gar nicht spät!“

„O doch, das spät für so eine kleine Prinzessin.“

„Weißt du eigentlich wie alt ich bin? 13 1/2! Hast du das kapiert? Sei doch wenigstens froh, dass ich nicht so bin wie Ricky! Sie muss um elf Uhr zu Hause sein, kommt aber frühestens um drei!“

„Gut, gut! Du hast mich überredet! Trotzdem, gute Nacht.“ Damit schloss sie die Tür und ich atmete auf. Meine Ma war nicht immer leicht zu ertragen. Deswegen ist wohl auch die Ehe zu Dad gescheitert. Sie hatte sich geschieden als ich 6 Jahre alt war. Wenn ich erwachsen bin, werde ich nicht gleich Hals über Kopf heiraten, so wie es Ma gemacht hat. Über diesem Gedanken schlief ich ein.

Am nächsten Morgen war mir schlecht. Als meine Ma mir Fieber gemessen hatte, sagte sie:

„Ich rufe gleich mal in der Schule an.“

„Nein“, rief ich außer mir, „ das geht schon, ich muss mich nur zusammen reißen, dann geht’s wieder. Außerdem würde ich den ganzen Stoff verpassen und...“

„Du gehst auf keinen Fall in die Schule, mein Fräulein. Schließlich willst du nicht die ganze Schule anstecken, oder?“, schnitt sie mir das Wort ab, „ sollte ich mir vielleicht doch Freinehmen und dich pflegen?“

 „Nein! Sonst bekommst du wieder Ärger mit deinem Chef und das will ich nicht. Geh in die Arbeit. Ich bekomme das hier schon hin. Du kochst mir jetzt noch einen Tee und ich lege mich dann auf die Couch.

Dann kannst du mir noch eine Schachtel Zwieback herstellen, die esse ich zwischendrin und habe keinen Hunger. Wenn du so besorgt um mich bist, dann versuche gleich nach Arbeitsschluss nach Hause zu kommen. O.K.?“

„Gut, vielleicht kann ich auch mal in der Mittagspause vorbeischauen, aber das wird dann knapp. Auf jeden Fall rufe ich jetzt in der Schule an.“

Als sie endlich in der Arbeit war, machte ich alles wie versprochen. Nach etwa drei Stunden klingelte es plötzlich. Ich war unschlüssig ob ich öffnen sollte oder nicht. Also schaute ich zuerst durch das Guckloch der Haustür und erkannte – Melissa! Natürlich öffnete ich ihr. Freudestrahlend übergab sie mir ein kleines Päckchen. Während  ich es auspackte fragte sie  mich:

„Hast du darüber nachgedacht, was ich dir gestern unter der Linde gesagt habe?“ Ich ließ von dem Geschenk ab und blickte Melissa zum ersten Mal in die Augen.

„Ja, das habe ich und  denke, du hast Recht. Ich dachte immer, dass ich die Menschen gerecht beurteilte und nicht nach ihrem Aussehen, Abstammung oder ihres Glaubens. Aber so wie es scheint, habe ich mich geirrt. Trotzdem verstehe ich nicht, warum du so aussiehst, obwohl du ganz anders bist, oder?“

„Weißt du, eigentlich darf ich es keinem sagen, aber dir vertraue ich: Vor fünf Jahren starb meine Mutter bei einem Flugzeugabsturz. Mein Vater ist seitdem Witwer und nicht mehr so wie vorher. Plötzlich will er, dass ich mich benehme und so aussehen soll wie meine Mutter. Du musst wissen, mein Vater ist ein erfolgreicher Inhaber eines großen Konzerns. Deshalb scheut er keine Mittel, mich so aussehen zu lassen, wie meine Mutter. Ich muss zugeben, manchmal denke ich, ich sehe meine Mutter im Spiegel. Mein Vater weiß gar nicht, wie weh er mir damit tut. Wenn ich mich auch nur sehe, kommen mir fast die Tränen. Ich bin sehr an meiner Mutter gehangen, denn sie war immer für mich da, mein Vater dagegen arbeitete nur und ich kannte ihn nicht einmal richtig. Das ist jetzt zwar nicht mehr so, aber er fügt mir trotzdem Schmerz zu. Ich sehe in deinen Augen die Frage, Sara. Du willst wissen, warum ich mich dagegen nicht wehre. Ich weiß, es klingt bescheuert, aber wenn ich mich wehren würde, wäre alles zerstört. Mein Vater würde mich nicht mehr als seine Tochter ansehen und sobald ich 18 Jahre alt bin, vor die Tür setzen. Das wiederum kann ich mir nicht leisten, denn wenn es um Geld geht, ist er sehr geizig, außer mich von Kopf bis Fuß meiner Mutter ähnlich sehen zu lassen, da ist es ihm egal. Aber so ist er und ich kann nichts dagegen machen. Außerdem will ich ihm nicht wehtun.“

Nun war betretende Stille. Aber dann erklärte sie:

„Ich bin eigentlich gekommen, um dir die Hausaufgaben und das Geschenk von mir zu bringen.“

Nun packte ich wieder das Geschenk aus und war überrascht. Es waren zwei Ketten, die zusammen gefügt ein Herz ergaben.

„Ich dachte mir“, meinte Melissa leise „wir könnten doch Freundinnen werden, dann bekommst du eine Hälfte und ich die andere. Das soll symbolisieren,  dass wir immer zusammenhalten.“

„Warum tust du das?“, flüsterte ich erstaunt. Melissa antwortet ebenso leise: „Ich habe mir schon lange eine Freundin gewünscht. In meiner alten Schule war ich nicht glücklich. Alle haben sich nur für Mode, Schmuck, Geld und Jungs interessiert. Aber niemand wusste, was hinter seiner Fassade war. Es war einfach nur schrecklich. Und nun bin ich hier. Ich sehe in dir eine perfekte Freundin für mich. Also, was ist?“

Fragend sah sie mich mit ihren warmen, weichen rehbraunen Augen an. „Weißt du das kommt jetzt alles sehr überraschend für mich und mir hat noch niemand so was gesagt und...“

„und..“

„und ich nehme es liebend gerne an!“ Melissa und ich fielen uns in die Arme.

„Hallo Ich bin wieder da!“ Das war Ma. „Ich habe dir was... wer ist denn das?“

Verwirrt schaute sie uns beide an.

„Das ist meine Freundin Melissa Hart. Sie ist neu hier in der Stadt. Melissa, das ist meine Ma.“

„Guten Tag, Frau Schmidt, es freut mich Sie kennen zu lernen. Ich wollte Sara nur schnell die Hausaufgaben vorbeibringen.“

„Das ist nett von dir Melissa, vielen  Dank. Möchtest du zum Mittagessen bleiben?“

„Nein danke, ich muss jetzt nach hause. Ich hoffe wir sehen uns morgen wieder in der Schule! Und gute Besserung! Tschüß!“ Und schon war sie weg.

„Was für ein nettes Mädchen. Schön, dass du endlich eine Freundin gefunden hast. Ach, möchtest du eine Suppe oder nur Zwieback?“

 „Ich esse Zwieback. Meinst du, ich kann morgen wieder in die Schule gehen?“

„Ich denke schon. Vorausgesetzt du bekommst keinen Rückfall. Oh je, es ist ja schon wieder so spät! Also, bis später!“ Sie drückte mir einen schnellen Schmatzer auf die Wange und verschwand durch die Tür.

Nun war ich wieder allein. Vielleicht hatte ich das alles nur geträumt? Ich zwickte mich kräftig in den Oberarm. Nein, ich hatte nicht geträumt. Ich hielt immer noch die Hälfte des Herzens in meiner Hand. Ich war glücklich.

Ich war am Abend früh ins Bett gegangen. Am Morgen wurde ich wach, bevor der Wecker klingelte. Sofort entdeckte ich auf meinem Nachtkästchen das halbe Herz. „Melissa“ murmelte ich leise. Dabei stand ich auf und sah in meinen Kleiderschrank. Ich wusste, dass ich niemals mit Melissa mithalten konnte, was Mode betraf. Aber das war mir jetzt egal. Ich sah aus dem Fenster. Die Frühlingssonne schien. Das machte mich gleich noch fröhlicher. Ich stürzte mich in meine Lieblingsjeans und einen roten Pulli und schon saß ich am Frühstückstisch. Schnell schlang ich ein Marmeladenbrot hinunter. Danach packte ich in aller Eile  meine Schulbücher zusammen. Als ich noch Zeit fand, meinen Tee auszutrinken, fragte Ma mich:

„Warum beeilst du dich denn so? Du hast doch nicht verschlafen und somit noch Zeit.“

„Ich möchte mich mit Melissa treffen und einen Bus früher nehmen“, erklärte ich kurz.

„Immerhin besser als einen Bus später“, brummte Ma – noch ziemlich verschlafen. Währenddessen hatte ich mich in meine Jacke geschmissen, die Schultasche auf dem Rücken. Schnell drückte ich ihr einen Schmatzer auf die Wange und schon war ich draußen. 

Als ich hinter mir die Türe schloss, blieb ich erst einmal stehen und atmete tief ein und aus. Dann ging ich weiter bis zur Haltestelle. Ich musste nicht lange warten, da kam auch schon der Bus um die Ecke. Ich löste meine Fahrkarte und setze mich gegenüber eines Jungen, denn sonst war nirgends ein Platz mehr frei. Er war blond, etwas gebräunt und hatte blaue Augen. Ich kannte ihn. Es war Patrick Müller, ein Schüler aus der Parallelklasse. Schnell drehte ich den Kopf zum Fenster, denn er sollte nicht merken, wie ich rot wurde. „Er ist es“, dachte ich, „ich habe mich in ihn verliebt. Aber was soll ich denn jetzt tun? Ihn ansprechen? Nein, das konnte ich nicht machen, am Schluss denkt er noch, ich bin so eine wie Ricky, die alles was männlich ist anbaggert.“ Langsam linste ich zu ihm herüber. Auch er starrte aus dem Fenster. „Vielleicht fährt er immer mit diesem Bus?“, überlegte ich, „es gibt nur eine Möglichkeit, das herauszufinden. Ich muss morgen wieder mit diesem Bus fahren.“ Wieder sah ich zu ihm hinüber, als ich bemerkte, dass auch er zu mir herüberlinste. Unsere Blicke trafen sich und er grinste. Ich lächelte schüchtern zurück.

„ Du bist doch Sara Schmidt, oder?“, fragte er mich. Ich war so überrumpelt, dass ich nur ein heiseres „ja“ herausbrachte.

„Ich bin Patrick Müller und ich habe gehört, dass du eine sehr gute Schülerin bist. Stimmt das?“, quetschte er mich weiter aus.

„Also,... nun ja... so weit ich das beurteilen kann, schon. Wieso denn?“, stotterte ich ziemlich verlegen. „Weist du, meine Noten sind nicht so gut und da dachte ich mir, dass du mir vielleicht, also nur wenn du möchtest...“

„soll ich dir Nachhilfeunterricht geben?“, fragte ich erfreut und mit glänzenden Augen.

„Ja genau, das wollte ich sagen. Wann hättest du denn Zeit?“

„Ach, eigentlich immer.“

„Gut dann komme ich morgen um drei Uhr zu dir. Passt das?“, fragte er.

„Ja, das geht. Hier ist noch meine Adresse.“ Schnell kritzelte ich meine Adresse auf einen kleinen Zettel. „Ähm, macht es dir was aus, wenn meine Freundin auch dabei ist?“, fragte ich Patrick unsicher, während ich ihm das Zettelchen in die Hand drückte.

„Nein, das geht schon in Ordnung.“ Schon waren wir an unserer Schule und mussten aussteigen. Ich sah  Melissa an der Schulmauer lehnen und warten.

„ Ich muss jetzt leider weg, tut mir Leid“, entschuldigte ich mich bei Patrick. Und schon schlenderte ich auf Melissa zu.

„ Ach, macht doch nichts, bis Morgen“, rief er mir noch hinterher. Ich drehte mich kurz noch um und versuchte, lässig zu winken. Ich bemerkte die neidischen Blicke der anderen im Rücken und zum ersten mal, seit ich auf dieser Schule war, fühlte ich mich richtig beneidet wegen eines Jungen.

Ich  war nun bei Melissa angekommen, doch sie starrte mich nur mit offenem Mund an. Ich lächelte innerlich. Woher sollte sie auch wissen, dass der Schwarm der Schule mich nur morgen treffen wollte, um zu pauken. Ich lachte:

„ Mach den Mund zu, es zieht!“

„Ja,... aber... was wollte er denn von dir?“, stammelte sie.

„ Ach, das ist gar nicht so wie es aussieht. Aber versprich mir, kein Wort zu Ricky. Sie ist sowieso ganz neidisch, denn es sieht so aus, als ob Patrick sich morgen mit mir treffen will. Und das stimmt ja auch. Nur, dass sie denkt, er hätte mich eingeladen oder so. Aber er will nur mit mir pauken. Und ich habe das so eingefädelt, dass du mit pauken kannst. Was sagst du jetzt?“, fragte ich gespannt.

„Das ist ja super! Sara, du bist wunderbar! Weist du, ich hab mich nämlich in ihn verguckt.“, flüsterte sie mir geheimnisvoll ins Ohr.

„Wer findet ihn nicht süß?“, seufzte ich.

„he, Schmidt! Ich denke, Patrick hat sich in der Richtung geirrt und irrtümlicherweise dir zugewunken, statt mir!“, hörte ich plötzlich Ricky neben mir zischen. Sie war wie immer von ihren Mädchen umgeben.

„ Da wäre ich mir mal nicht so sicher, schließlich stehst du jeden Tag am gleichen Fleck, da kann man sich ja gar nicht irren. Außerdem“, setzte ich kühl hinzu, „ werde ich mich morgen mit ihm treffen. Du kannst ja auch kommen.“ Ich war erstaunt über meine Kühnheit, woher nahm ich den Mut, das beliebteste Mädchen der Schule so anzureden? Doch ich konnte nicht länger darüber nachdenken, da Ricky mich mit großen Augen ungläubig fragte:

„Du meinst ihr trefft euch... das glaube ich nicht!“ kreischte sie dann plötzlich. „Du lügst! Ich werde ihn fragen und er wird zugeben, dass er mir zuwinken wollte und nicht dir. Und euer Treffen existiert gar nicht und somit komme ich auch nicht und überhaupt! Wieso gebe ich mich mit dir eigentlich ab! Du bist nur eine von den Strebern, mit denen gebe ich mich nicht ab!“ Und schon machte sie auf dem Absatz kehrt und marschierte zum Schultor, hinter ihr ein ganzer Schwarm von Mädchen, die genauso sein wollten wie Ricky.

„Das war ganz schön heftig“, meinte Melissa, „aber nun komm, es hat schon geläutet.” Zusammen gingen wir durch das große Tor in die Schule.

Auch dieser Schultag ging wieder einmal dem Ende zu. Als es läutete, schlenderten Melissa und ich in Richtung Bus.

„Schade, dass wir nicht mit dem gleichen Bus fahren können“, bedauerte Melissa. Ich munterte sie auf: „Aber wir treffen uns doch heute noch bei dir. Diese zwei Stunden werden wir schon aushalten.“

„Ja, du hast Recht.“ Nun waren wir an der Bushaltestelle angekommen, und leider war mein Bus schon da.

„Bis später“, sagte ich und stieg in den Bus ein.

Ich las gerade in meinem Buch „Die Großen im 14.Jahundert “, als es geschah. Ein heftiger Ruck ging durch den Bus. Kleine Kinder schrieen. Metall kreischte. Glas splitterte. Etwas sehr hartes schlug gegen mein rechtes Bein. Dann traf mich irgendetwas noch am Kopf. Plötzlich drehte sich alles. Ich dachte: „Ich will nicht sterben!“ Dann wurde es dunkel um mich herum.

Jemand rüttelte mich an der Schulter. Ich öffnete meine Augen. Zwei Sanitäter waren über mich gebeugt. Der eine mit dem weisen Kittel hatte mich ein wenig geschüttelt, damit ich wieder aufwachte. Mein Bein schmerzte höllisch.

„Wo... wo bin ich?“ fragte ich ganz verwirrt. Der andere mit dem roten Kittel erklärte mir:

„Wir sind auf dem Weg ins Krankenhaus und...“

„Krankenhaus?“, schnitt ich ihm das Wort ab. „wieso Krankenhaus? Ich... ah mein Bein!“

„Tut es sehr weh?“, fragte der Weiß Kittel besorgt.

„oh ja“, antwortete ich mit schmerzverzogenem Gesicht, „kann man da nicht etwas dagegen tun?“

„Ich denke schon“, meinte der Rot Kittel, “wir geben dir ein Schmerzmittel. Aber es ist ganz klar, dass du Schmerzen hast. Schließlich hast du dir das Bein gebrochen. Ach ja, wir müssen einen Elternteil informieren, was mit dir jetzt gemacht wird. Kannst du uns die Telefonnummer deiner Mutter oder deines Vaters geben. Sind sie jetzt in der Arbeit?“

„Ja“, sagte ich, „0521987123 und wenn Sie Ma dort nicht erreichen dann 0160456321, das ist ihre Handynummer.“

Endlich kamen wir im Krankenhaus an. Dort wurde ich sofort in die Notaufnahme gebracht und untersucht. Als das abgeschlossen war, erklärte mir ein junger Arzt: „Du hast dir das Bein zweimal gebrochen. Am Knöchel und am Knie. Wir müssen das operativ wieder einrenken. Danach werden wir dir einen Gips anlegen. Du musst auch eine Wochen im Krankenhaus bleiben wegen Verdacht auf Gehirnerschütterung und wegen des Gipses. Zu Hause musst du drei Wochen einen Gehgips tragen und jede Woche zum Untersuchen kommen. Das wär’s fürs erste Mal. Ach ja, deine Mutter haben wir erreicht. Sie kommt sofort her.“ Damit verabschiedete er sich von mir.

Dann ging alles blitzschnell. Zwei Schwestern halfen mir beim ausziehen, eine dritte nahm mir Blut. Schon wurde ich auf einer fahrbaren Liege in den OP geschoben. Dort wurde ich betäubt und schon spürte ich nichts mehr. Ich fiel in einem traumlosen Tiefschlaf.

Als ich aufwachte, befand ich mich in einem großen weichen Bett, das in einem weißen Zimmer stand. Ausser mir war noch ein weiteres Bett im Raum, doch es sah unbenutzt aus. Da erblickte ich Ma, die neben meinem Bett saß.

„ Wie geht es dir?“, Fragte sie besorgt.

„Ach“, antwortete ich, „es geht schon“  

„Hast du schon deinen Gips bewundert?“, Fragte sie weiter. Ich schüttelte den Kopf. Ma hob meine Bettdecke an, damit ich meinen Gips sehen konnte. Er war weiß, hart und nicht sehr schön, aber das war mir egal. Wir schwiegen beide und starrten auf den Gips. Dann konnte ich mich nicht mehr länger halten und wollte wissen:

„ Gibt es hier auch ein Telefon? Ich muss Melissa unbedingt sagen, dass ich heute nicht kommen kann.“  „Warte, ich kaufe dir eine Telefonkarte“, antwortete Ma ruhig, „mit der kannst du von diesem Telefon aus telefonieren.“ Sie deutete auf ein Regal über meinem Kopf, stand auf, nahm ihre Jacke und ging.

Ich atmete auf. Es war alles so schnell gegangen. Ob auch Menschen bei diesem Unfall ums Leben gekommen waren? Ich wusste es nicht. Aber ich nahm mir vor, mich danach zu erkundigen.

Ma war nun wieder hier. Sie hatte eine Karte dabei, die sie in das Telefon auf dem Nachtkästchen steckte. „Nun kannst du Melissa anrufen.“, sagte sie. Ich wählte ihre Nummer und wartete. Eine Stimme meldete sich:

„Guten Tag, hier bei Hart“ Ich erwiderte:

„Guten Tag! Ich möchte bitte mit Melissa sprechen“

„Moment... “

„Ja, hier Melissa?“

„Hallo, ich bin’s, Sara.“

„Wo bleibst du denn? Ich warte schon“

„ich kann nicht kommen, denn ich hatte einen Unfall mit dem Bus und...“ Ich erzählte ihr alles.

„ Ich komme gleich zu dir ins Krankenhaus. Mann, das dass ausgerechnet  dir passiert. Also, bis gleich!“   

Schon hatte sie aufgelegt.

„Kommt sie?“, Fragte Ma neugierig.

„Ja“, antwortete ich kurz. Und dann musste ich einen Schwall von Bewunderungen und weiß was ich noch über mich ergehen lassen.

Endlich war Melissa da und befreite mich vom Wortschwall meiner Ma. Sie verabschiedete sich mit der Ausrede, sie müsse jetzt wirklich in die Arbeit. So waren wir wenigstens unter uns. Ich meinte:

„Es tut mir leid, aber ich muss Patrick absagen. Es sei denn, er...“

„was?“

„Er kommt hierher und wir lernen hier. Warte, ich rufe ihn schnell an.“

 Ich wählte und schon beim 3. Läuten ging Patrick ran.

„Hallo, ich bin’s, Sara. Ich wollte dir nur sagen, dass ich morgen leider nicht kommen kann.“

„Warum denn nicht?“, Fragte er.

„Weil ich mit einem Gipsfuß im Krankenhaus liege. Aber du kannst morgen ins Krankenhaus kommen, dann können wir schon lernen“

„Klar, warum nicht“, meinte er, „Kommt deine Freundin auch?“

„Ja, also, dann kommst du morgen her um drei Uhr? Ach ja, Zimmer 117. Tschüß!“

„Es hat geklappt!“, Freute sich Melissa, „aber ich muss jetzt wirklich gehen. Ich komme dann morgen schon um halb drei. Bis dann!“

Nun war ich wieder alleine. Den Rest des Tages verbrachte ich mit Lesen und Fernsehen.

Am nächsten Vormittag kam ein Junge in mein Zimmer.  Er hatte kurze braune Haare und wunderschöne blaue Augen, wie ich erst später feststellte. Er hieß Jannick. Er war 15 und im gleichen Bus gesessen wie ich. Ihn hatte es fast genauso getroffen wie mich; sein linker Arm  war gebrochen. Wir kamen nur ins Gespräch, weil wir uns den Fernseher teilen mussten und jeder etwas anderes ansehen wollte. Er wollte alles Mögliche sehen, aber nicht das, was ich wollte. Ich merkte mal wieder, wie verschieden die Menschen und es auch immer sein werden. (Das hatte ich einmal in einem Buch von irgendwem gelesen.)

Wie verabredet war Melissa um halb drei hier. Ich stellte ihr Jannick vor. Danach flüsterte sie mir ins Ohr:

„Wäre der nicht was für dich?“

„Na ja“, gab ich leise zu, „ er gefällt mir schon. Aber“, warf ich ein, „er ist schon 15. Meinst du nicht, er ist zu alt für mich?“

„Liebe kennt keine Grenzen“, antwortete Melissa zuversichtlich, „ als meine Mutter mit 28 starb, war Vater 36. Da ist das mit dir und Jannick ja ein Katzensprung.“ Da hatte sie Recht. „Und außerdem habt ihr genügend Zeit, euch kennen zu lernen“, fügte sie hinzu „er muss bestimmt auch so lange hier bleiben wie du.“ 

Nun wurde unsere kleine geheime Verschwörung gestört, denn die Tür öffnete sich und Patrick trat ein. In den Händen hielt er seine Bücher. Er nahm sich einen Stuhl und setzte sich auf die andere Seite des Bettes, denn auf der gegenüberliegenden Seite saß schon Melissa. Er packte die Bücher aus und wir lernten. Nach drei Stunden waren wir mit dem Stoff fertig – und wir auch. Patrick und Melissa verabschiedeten sich und gingen, so sah es zumindest aus, händchenhaltend hinaus. 

Jannick fragte mich, ob das mein Freund gewesen wäre, und hörte sich dabei ein bisschen neidisch an. Irgendwie fand ich das gut. Stimmte es, was Melissa gesagt hatte? Ironisch antwortete ich:

„Nein, das war der Sohn des Präsidenten von Amerika und ich habe ihm Nachhilfe gegeben, weil er auch noch zufällig auf meine Schule geht und mit meiner besten Freundin. Ist deine Frage damit beantwortet?“ Er lachte zum ersten Mal. Das war sooo süß!

„Ja, also ist er nicht dein Freund, weil deine beste Freundin mit ihm geht. Und du hast ihm nur Nachhilfe gegeben“, er lachte immer noch.

„Und was hättest du getan, wenn ich mit ihm gegangen wäre?“, Fragte ich plötzlich ernst und anscheinend für Jannick völlig unerwartet. „Ich  hätte mir gewünscht, dass ich dich früher gefragt hätte, als er.“ Antwortete er ernst. Ich spürte, wie mein Gesicht ganz heiß wurde, aber ich merkte auch, dass es ihm wirklich Ernst war.

„Was soll das heißen?“, Fragte ich unsicher, ob meine Vermutung zutraf.

„Das sage ich dir ein anderes mal“, erklärte er bestimmt, sodass ich mich nicht traute, in der nächsten Woche ihn nochmals darauf anzusprechen.

Langsam wurden Jannick und ich warm. Er erzählte mir, dass er auf meine Realschule gehe, in der Ahns – Unken – Straße 11 wohne und eine kleine Schwester von 8 Monaten habe. Als ihn am 3. Tag seine Familie besuchte, durfte ich sogar Lilli, so hieß das kleine Baby, auf den Arm nehmen. Als seine Eltern mit Lilli auf dem Arm ihren Sohn am Abend wieder allein ließen, bemerkte er:

„Du kannst toll mit Kindern umgehen. Möchtest du selbst einmal Kinder haben?“ Da hatte er einen wunden Punkt in mir getroffen.

„Ich möchte nicht darüber reden“, antwortete ich eisern.

„Warum nicht? Magst du keine Kinder? Das sah gerade aber anders aus “, Fragte er weiter.

 „Doch, aber ich möchte einfach nicht darüber reden. Ist das zu viel verlangt?“, Fragte ich gereizt.

„O.K., O.K.! Wusste nicht, dass dich das so aufregt! Dann halt ich eben meine große Klappe.“

 Er war sichtlich verärgert und wir verzichteten beide auf das Fernsehen, um dem anderen zu zeigen: Ich bin stark, mir macht es nichts aus, wenn du nicht mehr mit mir redest. Wir lagen beide mit dem Rücken zum anderen. Plötzlich flüsterte Jannick:

„Es tut mir leid. Wirklich. Ich will es nicht mehr wissen. Vielleicht willst du es mir einmal später freiwillig sagen und dann ist es ja noch nicht zu spät. Sara, bist du noch wach?“ Ich stellte mich schlafend, so aufgeregt war ich über seine Worte. Würde er noch etwas sagen? Leider sagte er nur noch Gute Nacht. Ich lag noch lange wach und überlegte. Dann schlief ich irgendwann doch ein.

Am nächsten Morgen wachte ich sage und schreibe erst um elf Uhr mittags auf. Das war bei mir schon sehr, sehr selten. Ich blickte mich um. Oh Nein! Das Bett neben mir war – LEER! Ich klingelte sofort einer Krankenschwester, die auch gleich danach erschien. „Was ist?“, Fragte sie mich mit mürrischem Ton. „Wieso ist das Bett da leer? Wo ist Jannick?“ „Weiß ich doch nicht" ich war ganz nervös. Wo war er? Ist ihm etwas passiert. Die Krankenschwester war zum Glück gegangen, sonst hätte sie mich sicherlich für verrückt erklärt. Ich faltete meine Hände, betete dreimal hintereinander das Vater unser und hoffte, dass Jannick nichts Schlimmes zugestoßen war.

Nach dem  Mittagessen kam Jannick endlich. Er hatte einen neuen Gips an seinem Arm, aber ein trauriges Gesicht. „Ich muss dir etwas sagen, Sara, etwas sehr, sehr wichtiges“, betonte er, „es war eine wunderschöne Zeit mit dir und du hast mir die Sonne in dieses traurige Haus gebracht. Aber“, es hörte sich so an, als ob er schluchzte. Er kam an mein Bett. „Sara,... ich werde heute entlassen.“ „Nein,...“, stammelte ich, „das kann nicht wahr sein!“ Wir fielen uns weinend in die Arme. Plötzlich schob er mich von sich weg und für einen kurzen Moment dachte ich, er hat die Andeutungen nicht wirklich ernst genommen. Doch ich sah tief in  seine blauen Augen und dann küssten wir uns. Sein Kuss war so zärtlich und liebevoll, schmeckte etwas salzig, was wohl an meinen Tränen lag, die mir immer noch in Strömen die Wangen hinunterliefen. Wir sahen uns noch einmal tief in die Augen, und Jannick flüsterte, ganz leise, so dass nur ich es verstehen konnte, in mein Ohr: „Ich liebe dich!“ Ich erwiderte: „Ich dich auch!“ Dann meinte er sichtlich erleichtert: „Wann treffen wir uns wieder? Hier meine Handynummer“, er drückte mir ein kleines Zettelchen in die Hand und ich sagte: „Hier meine Nummer. Und vergiss mich nicht, ja? Wir treffen uns bald wieder.“ Ich schrieb ihm schnell meine Nummer auf die Hand und küsste ihn noch mal zum Abschied auf die Wange.

Am gleichen Tag wurde auch ich entlassen. Der Arzt sagte, dass ich in einer Woche den Gips loshaben werde. Ich freute mich, denn er war wirklich lästig. Allerdings durfte ich eine Woche lang nicht in die Schule, das wiederum ärgerte mich. Aber ich beugte mich dem Willen von Ma und blieb daheim. Oft kam Melissa, um mich zu besuchen und aufzumuntern.

Als ich endlich wieder in die Schule ohne Gips durfte, wartete Jannick schon aufgeregt an der Schulmauer auf mich. Ich beeilte mich, gab ihm ein Bussi auf die Wange und fragte:

„Und, was war los als ich weg war?“

„Flo hat mich zu ihrer Party morgen eingeladen. Ich dachte, dass du mitkommst und ich dir meine Freunde vorstelle, ich glaube, du und Flo werdet richtige Freundinnen.“

Klar komme ich mit, wo wohnt sie denn?“

„In der Dr. Pfleger - Straße 15, das ist im reichsten Stadtteil, kennst du es?“

„Ja, Melissa wohnt nur drei Straßen weiter. Ich bin schon vorbeigefahren, eine richtige Protzvilla“

„Na und? Wenn man Geld hat, soll man es auch zeigen. Kommst du jetzt mit?“

„Ja, dann holst du mich um Acht Uhr ab, o.k.?“

„Gut, bis morgen dann, Tschüss“

Nicht einmal einen Abschiedskuss hatte er mir gegeben. Na ja, dachte ich, ist nicht so wichtig, aber auf jeden Fall freue ich mich auf morgen. Wie diese Flo wohl sein mag?

Es war soweit, Jannick ging händchenhaltend mit mir im Villenviertel der Stadt. Schon von weitem hörten wir die laute Musik aus dem Haus von Flo. Als ich sie sah, wusste ich, dass ich hier nichts verloren hatte. Warum nur hatte ich Melissa nicht mitgenommen? Nun war es zu spät. Ich kam mir vor wie der letzte Vollidiot. Alle waren gestylt und tanzten wild. Jannick hatte mich fast gezwungen, dass ich mich an den Tisch mit seinen Freunden und zu Flo setzen musste. Flo war grell geschminkt und hatte ein enges bauchfreies Top an. Sie und Jannick unterhielten sich und übergangen mich fast. Also murmelte ich eine kurze Entschuldigung. Dann suchte ich die Toilette; als ich sie endlich gefunden hatte, stand ich in einem mit teuer ausgekleidetem schwarzem Marmorbad. Ich ging in eine der Kabinen und schloss ab. Anscheinend waren sie extra für Partys gebaut worden, damit die Gäste nicht in die Badezimmer der Besitzer gehen mussten.

Was für eine Verschwendung! Dachte ich doch jetzt ging Tür auf und ich hörte Flo´s Kichern. Ich blieb auf dem Klodeckel sitzen und versuchte, etwas zu verstehen.

„Habt ihr sie schon gesehen?“ fragte Flo ihre Freundinnen.

„Sie ist so uncool! Und die Klamotten erst! Wie kann Jannick nur so eine lieben? Er sollte endlich einsehen, dass er es mit mir besser hätte. Aber wenn er mir es nicht glaubt, die Beziehung dauert nicht lange. Ich wette, dass ich in einer Woche mit ihm zusammen bin und er diese Sara nicht mehr ansieht.“

Nun konnte ich die Tränen nicht mehr zurückhalten. So war das also, ich war für Jannick nur ein Zeitvertreib, bis Flo wieder Zeit hatte. Ich war froh, als die Tür sich hinter Flo schloss. Ich versuchte mich zu beruhigen, dann borgte ich mir von irgendjemand ein Handy aus und rief Ma an.

Nach einer viertel Stunde holte sie mich ab und als sie mich sah, wollte sie etwas sagen, ließ es dann aber doch. Sie brachte mich ins Bett und ich schlief erschöpft ein. 

Gleich in der Früh rief ich Melissa an, damit wir uns früher als sonst treffen. Sie fragte nicht. Das fand ich sehr rücksichtsvoll, denn ihr reichte das Wort Jannick aus.

Als wir uns dann an der Mauer trafen, berichtete ich ihr gleich alles. Kommentarlos hörte sich Melissa alles an. Dann sagte sie: „Das einzige was du tun kannst, ist ihn zur Rede zu stellen. Wenn er zugibt, dass da etwas im Busch ist, kannst du dich immer noch von ihm trennen. Andrerseits kann es natürlich sein, dass diese Flo alles nur erlogen hat. Das musst du herausfinden. Hier mein Handy, ruf ihn an, ob ihr euch heute treffen könnt, aber verrate nichts.“

 Ich verabredete mich mit Jannick nach der Schule im Ellis, sagte aber keine Silbe, was ich über ihn wusste. Nachdem ich das erledigt hatte, fragte ich Melissa verunsichert: „Kannst du nicht mitkommen? Bitte!“

„Also, gut, ich komme mit“, willigte Melissa ein. Da klingelte es. „Blöde Schule“, dachte ich, „warum kann ich mich nicht einfach jetzt mit Jannick treffen.“ Den ganzen Schultag lang rutschten Melissa und ich nervös auf unseren Stühlen, wie kleine ungeduldige Kinder. Als es endlich zum Schluss der letzten Stunde läutete, waren wir die beiden ersten, die aus der Schule rannten, als ginge es um unser Leben. Als wir beim Ellis ankamen, erlebten wir eine Überraschung. Wir standen beide fassungslos vor dem Ellis. Durch die Glasscheiben sahen wir Patrick und Jannick zusammen an einem Tisch sitzen. Aber sie waren nicht allein. Dicht neben Patrick saß... Ricky! Und neben Jannick... das war doch tatsächlich Flo! Ich konnte es nicht glauben. So eine Schleimerin. Melissa und ich sahen uns fest in die Augen, bevor wir ins Cafe´ schlenderten. Die Begrüßung fiel wohl nicht so aus, wie sich das die Jungs vorgestellt hatten. Kein Bussi, nur ein bedrohlich klingendes „Hallo“. Verdutzt sahen sie uns an und Patrick meinte: „Melissa, Sara, dass sieht jetzt alles anders aus als so wie es wirklich ist...“

„Ich will mit dir Reden“, knurrte ich und setzte mich, als ich sah, dass sich Flo neugierig zu mir beugte, fügte ich hinzu, „unter vier Augen“

„Aber ich habe keine Geheimnisse vor Flo...“

„Aber du hast Geheimnisse vor mir“, wies ich ihn zurecht.

„Gut“, lenkte Flo ein, „ich gehe“ zum Abschied zwängte sie ihm einen Schmatzer auf den Mund! Ich konnte es nicht fassen! Und Jannick schien das auch noch zu gefallen. Mit einem Blick zu Melissa fing ich an zu erzählen:

„Ich habe aus zuverlässiger Quelle  erfahren, dass Flo total in dich verknallt ist, ich nicht gut genug für dich bin, total uncool aussehe und das ich fett bin, das ist zumindest Flos Ansicht. Und ich kann einfach nicht verstehen, wie du sie nur vertragen kannst. Was sagst du dazu?“

„Das beste ist, etwas glaubwürdiges!“ warf Patrick ein.

 „Du brauchst gar nicht so klug tun, ich habe mit dir auch noch ein Hühnchen zu rupfen.“ Meinte Melissa und zerrte ihn in eine andere Ecke des Cafes. „Was ist nun?“, bohrte ich.

„Gut ich gebe es ja zu. Flo gefällt mir, aber wer sich nicht mit ihr versteht, kann sich gleich beerdigen lassen.“

„Das heißt im Klartext?“

„Wenn ich mich gegen sie stelle, bin ich nicht mehr in der Clique.“

„Na und? Ist das denn so schlimm?“

„Für dich vielleicht nicht, aber für mich. Weißt du, man wird dann behandelt wie der letzte Dreck. Und das hat auch fatale Folgen für unsere Zukunft. Flo würde uns bestimmt immer und überall stören wo sie nur kann.“

„Und was sagst du zum Rest?“

„Ich finde dich so gut wie du bist. Allerdings...“

„Was?“

„Na ja, du könntest dich schon mal so für eine Party hübsch machen und dir ein paar neuere Klamotten anschaffen, aber sonst bist du perfekt.“

Wütend brüllte ich: „Ach so ist das! Schön das ich das auch mal erfahre! Du bist genau wie die anderen Jungen! Die Frauen sollen sich nur hübsch machen immer gut aussehen. Dir ist doch egal wie ich mich fühle, Hauptsache ich sehe gut aus nicht wahr? Und ich dachte du bist anders als die anderen. Aber das ist nicht so! Jetzt kannst du ja zu deiner Flo rennen, die sieht wenigstens nicht so blöd aus wie ich! Und ich will dich nie mehr sehen!“

„Was soll das denn jetzt heißen?“

„Es ist aus! Ende! Schluss!“ Rief ich mit letzter Kraft und schon rannte ich aus dem Cafe´. Melissa, die alles gesehen und gehört hatte, lief hinter mir her und holte mich schließlich doch ein. Sie nahm mich in den Arm und tröstete mich. „Alle Männer sind Schweine“, murmelte ich. „Du hast Recht“, meinte Melissa und begleitete mich nach hause.

Lange überlegte ich noch abends in meinem Bett. Und fasste einen Entschluss: Ich musste mich verändern. Das, was Flo gesagt hatte, stimmte ja auch. Ich zog wirklich keine modischen Klamotten an, Schminke kannte ich nur von meiner Ma, und die schminkte sich auch nur äußerst selten. Mein letzter Gedanke vor dem Einschlafen: Vielleicht kann mir Melissa weiterhelfen.

Als ich an die mächtige Eichentür klopfte, war mir schon etwas mulmig. Ich war noch nie in so einem großen Haus gewesen. Da wurde auch schon die Tür geöffnet und eine kleine runde Frau mit einem freundlichem Gesicht fragte mich: „ Bist du Sara?“ Ich nickte.

„Komme doch herein. Mel hat mir schon viel von dir erzählt.“ Wahrscheinlich meinte sie Melissa. Ich trat ein und befand mich in einer mit feinstem Marmor ausgekleideten Halle. „Mels Zimmer ist die Treppe rauf und dann gleich rechts. Das ist ihr Zimmer“, erklärte mir die Frau. Langsam schritt ich die Treppe hinauf und hielt mich dann rechts. Ich klopfte an die Tür und sie wurde gleich darauf von Melissa geöffnet. Ihr Zimmer war sehr groß, aber auch sehr kuschelig eingerichtet.

Neugierig fragte Melissa mich: „Was ist denn nun so dringendes?“

„Ich muss mich verändern. Du weißt schon, neue Klamotten und so. Aber vor allem musst du mir ein paar gute Schminktipps geben, wenn wir das nächste Mal ausgehen.“

„Wieso das denn auf einmal?“

„Na ja, ich sehe nicht gerade toll aus. Ich meine, ich muss ja nicht gleich so rumlaufen wie Ricky, aber so ein bisschen, dass es einfach nur natürlich und schön aussieht. Verstehst du jetzt?“

„Ja, ja. Also, mein Vorschlag: Du rufst deine Ma an und sagst ihr, dass du heute bei mir übernachtest. Das erlaubt sie sicher und mein Vater hat nichts dagegen. Dann ziehen wir in die Stadt und ich lade dich ein, dir auszusuchen, was dir gefällt. Ich habe

500 Euro, die wir ausgeben können. Und wenn wir doch mehr ausgeben, die Verkäufer kennen mich und ich muss nur sagen: geht auf meinen Vater. Einverstanden?“

„Melissa, du spinnst! 500 Euro! Das ist Wahnsinn! Das kann ich nicht annehmen!“

„Du musst! Es ist die einzige Möglichkeit deine Beziehung zu retten oder sie geht den Bach runter. Du musst dich entscheiden! Es liegt ganz allein in deiner Hand. Wenn du dich jetzt allerdings falsch entscheidest, dann ...“

„Hör auf! Ist ja schon gut, ich komme mit. Also dann los, worauf warten was eigentlich noch?“

Wir schnappten unsere Jacken und spazierten zur Bushaltestelle, um in die Stadt zu fahren.

Wow! Was es hier alles gab! Kleider, Hosen und noch vieles mehr. Melissa zog mich in ihren Lieblingsteil, wie sie ihn nannte. Dort kümmerte sich eine nette, südländisch aussehende Verkäuferin um uns: „Guten Tag Frau Hart, schön sie einmal wieder zu sehen. Und wer ist das?“ „Guten Tag, Frau Honki. Das ist meine Freundin Sara Schmidt. Wir sind gekommen, weil Sara unbedingt neue und vor allem moderne Klamotten braucht, Sie verstehen?“ Fragte Melissa mit einer Verständlichkeit von Welt. „Ja, ja. In welche Richtung möchten sie es denn haben? Mehr Schickes oder für die Schule oder für die Disco?“ Fragte Frau Honki mit einem Augenzwinkern. „Von jedem Etwas, würde ich sagen. Fangen wir mit den Schickeren Sachen an.“ Nun wurden uns mehrere Kleider und Hosenanzüge gezeigt. „In welche Klasse gehen sie jetzt noch mal?“ fragte Frau Honki.

„In die Sechste“ antwortete Melissa.

„Meine Güte, wie die Zeit vergeht. Sie kommen doch auch sicher wenn Sie Schulball haben zu uns. Wir haben da sehr gute Ware bekommen.“

„Aber natürlich. Aber bis dahin dauert es leider noch ein bisschen.“

Inzwischen hatte ich mich für einen schicken schwarzen Hosenanzug entschieden, der auch Melissa gefiel.

„Und nun zu den Schulsachen“ entschloss Melissa, „Da brauchen wir aber schon mehrere Outfits, schließlich kann Sara nicht immer mit dem selben herum laufen.“

Nach langem Suchen fand ich, was ich suchte.

„Jetzt fehlen nur noch die Sachen für die Disco. Ich sag dir, da sind megascharfe Teile dabei.“

Nach drei Stunden standen wir endlich an der Kasse und bezahlten.

„452,20 Euro, bitte“, meinte Frau Honki lächelnd, „und danke für den Besuch“.

Als wir auf dem Gehsteig vor der Boutique standen, sagte ich: „Das war ja ganz schön teuer alles“ Melissa antwortete: „Ach, mir macht das nichts aus, ich schwimme doch im Geld. Also, meiner Ansicht nach müssen wir wegen dir sofort zu Andre´.“

„Wer ist das denn schon wieder?“

„Er besitzt den Laden ´Maniküre muss sein´. Kennst du nicht? Schau, dort drüben ist er.

Frisör, Nagelpflege, Sauna, Solarium und Schminksalon in einem. Und da gehen wir jetzt hin.“

„Muss das sein?“

„O ja, denn es kommt ja nicht nur auf deine Klamotten darauf an, sondern auch auf dein Gesicht.“

Andre´ erwartete uns bereits. Sofort wurde ich in einen der vielen Stühle gedrückt und Andre´ wieselte um mich herum. Ich hörte ihn murmeln: „Hm, was könnten wir denn hier machen... Oder da... Am besten... Ja, das machen wir.“ Danach erklärte er mir und Melissa fachmännisch: „Also, wie möchtest du die Haare? Lang, kurz, mittel, mit Dauerwelle oder so natur lassen? Überlege es dir kurz. Ich... “ das Telefon klingelte, Ihr entschuldigt mich für einen Augenblick?“ Schon war er durch einen Gang verschwunden.

„Was meinst du, was soll ich machen lassen?“ Fragte ich Melissa.

„Ich finde, du solltest dir die Haare nur etwas kürzen, damit du sie gelegentlich auch einmal hochstecken kannst. Außerdem vielleicht rot tönen und dann blonde Strähnchen machen. Das hatte ich schon einmal und sah echt gut aus. Wenn es dir nicht gefällt, kann Andre´ das bestimmt wieder verändern.“ Wie gerufen kam er herbei gelaufen und fragte: „Haben sich die Damen bereits entschieden?“

„Ja“, antwortete ich, „Die Haare nur etwas kürzen, Melissa meinte, man sollte sie rot mit blonden Strähnchen färben. Was meinen Sie dazu?“

„Nenne mich einfach Andre´ und du. Die Haare kürzen, das ist auch in Ordnung. Aber rot und blond? Bei aller Liebe, nein, da ist der Kontrast zu stark. Aber wie wäre es, wenn wir die Haare blondieren, und dann erst sozusagen rote Effekte hineinzaubern? Das heißt, in verschiedenen Stärken und Rottönen. Es geht natürlich auch braun, grün gelb, blau und so weiter. Also, was ist?“

„Wir machen es so wie Sie, äh..., wie du es gesagt hast. Rot in verschiedenen Stärken und Tönen.“

Wie aus dem nichts standen plötzlich fünf Frauen neben mir und arbeiteten an meinem Kopf.

Als ich am Abend nach hause kam, traf Ma fast der Blitz. Aus meinen blonden Haaren waren rote geworden, mein Gesicht war geschminkt und ich stand mit zehn prallen Tüten in der Tür.

„Wie siehst du denn aus? Und woher hast du das Geld hergenommen, das alles zu bezahlen? Du hast doch nicht etwa geklaut?“ Ma´s Stimme überschlug sich fast.

„Nein, Ma, ich habe nicht geklaut oder so“, versuchte ich sie zu beruhigen.

„Woher hast du dann das ganze Zeug?“ Fragte sie schon etwas ruhiger.

„Melissa hat es mir spendiert.“

„WAS!?!“

„Ja, und ich soll es ihr auf gar keinen Fall zurückzahlen, sonst kannst du gleich mal meine Beerdigung planen.“ Ich lachte. Auch Ma fing jetzt an zu lachen.

„Ist ja schon gut. Aber was willst du mit dem ganzen Sachen?“

„Na, anziehen.“

Ma sah mich skeptisch an.

„Du hast dich verändert stimmt´s?“

„na ja, du weißt doch wie das ist wenn man den ersten Freund hat?“ Ich kuschelte mich in Ma´s Arme, die inzwischen auf unserem gemütlichen Sofa saß.

„Ja“, antwortete sie, „ vor allem wenn man von ihm schmerzlich verletzt wird.“ Nuschelte Ma.

„Er hat gesagt, dass ich mich mal hübsch machen soll und da bin ich dann einfach ausgeflippt...“ Jetzt, da ich ins Erzählen gekommen war, sagte ich alles was ich wusste. Über Jannick und Flo, Patrick und Melissa und mein Leben. Geduldig hörte mir Ma zu.

 

Als ich nichts mehr wusste sagte Ma: „Wenn dieser Jannick dir wirklich so wehgetan hat, solltest du morgen in die Schule gehen, natürlich mit Melissa, und ihn einfach ignorieren. Denn wenn du ihm etwas bedeutest, wird er spätestens jetzt, nachdem du so gut aussiehst, merken, dass er mit dir einen Glückstreffer gelandet hat. Und wenn er´s jetzt immer noch nicht kapiert hat, kannst du auf ihn pfeifen, schließlich gibt es auch noch andere Mütter, die schöne Söhne haben. Zum Beispiel Frau Beckers Sohn Joachim...“

„Ma“, sagte ich, „ bitte verschon mich damit. Ich gehe jetzt ins Bett. Gute Nacht.“

Am nächsten Morgen, pünktlich um 7.00 Uhr, wartete eine Limousine vor unserem Haus. Es war Melissa. Verwundert stieg ich ein und auf meine Frage hin, was denn das soll, antwortete Melissa:

„Mein Vater hat so eine Phase. Er hat eine neue, dieser unzähligen und vor allem viel jüngeren Frauen am Haken und will verhindern, dass seine Familie nicht schon wieder auseinandergeht. Und dazu gehört eben auch, dass mir und dir nichts passiert.“

„Cool“, brachte ich nur hervor.

Während der ganzen Fahrt zur Schule erzählte ich Melissa über das Gespräch mit Ma gestern und sie stimmte Ma zu, dass ich Jannick total links liegen lassen sollte.

Als wir endlich an der Schule ankamen, war mir schon sehr mulmig. Melissa sprach mir Mut zu: „Du schaffst es!“

Von Melissas Bodygard begleitet, gingen wir auf das große Schultor zu. Ricky fielen fast die Augen aus dem Kopf. Wäre die Sache mit Jannick nicht gewesen, hätte ich lauthals losgelacht. So aber konnte nur Melissa ein bisschen drüber schmunzeln und zu Ricky rufen: „Hey Ricky! Mund zu, es zieht!“ worauf der ganze Schulhof in wieherndes Gelächter ausbrach. Auch Jannick lachte. Ich entdeckt ihn an der Stelle, wo Melissa und ich uns sonst immer trafen. In der Hand eine rote Rose. „oGottogottogottogott.“ Dachte ich mir. „Wenn das nur gut geht!“ Ohne das Gesicht zu verziehen gingen Melissa, unser Bodygard Lars und ich in die große Eingangshalle. Jannick hatte mir zwar bittende Blicke zu geworfen, aber ich blieb hart.

Was in der nächsten Pause geschah, hätte ich eigentlich längst wissen müssen. In der Raucherecke stand Jannicks Clique und Hand in Hand – Jannick und Flo! Hilfesuchend blickte ich mich nach Melissa um, aber sie war nirgends zu sehen. Heulend verflüchtigte ich mich auf die Mädchentoilette, als ich plötzlich Melissas Stimme hörte: „Sara? Bist du da?“ Fragte sie zögernd.

Leise antwortete ich: „Ja“ und schloss die Tür auf. Fast hätte mich der Schlag getroffen. Melissa hatte rotverweinte Augen, die ganz geschwollen waren.

„Was ist denn mit dir passiert?“

„Wahrscheinlich das Gleiche wie bei dir.“

„Patrick?“

„Hmm. Jannick?“

„Hmm. Könnten wir nicht einfach nach Hause gehen?“

„Ich sag Lars Bescheid, er soll uns entschuldigen. Dann kommst du mit zu mir, nicht das deine Mutter gleich einen Aufstand macht.“

Ich nickte schwach.

Nach einer halben Stunde waren wir bei Melissa zu Hause und tranken in der Küche Kakao, den uns Martha, die Köchin und früheres Kindermädchen, eingeschenkt hatte.

Schon nach einer halben Stunde ging es uns beiden wieder besser. Wir duschten beide ausgiebig, danach gab es Abendessen. Als uns schon fast langweilig war, fragte Melissa:

„Lass uns ein paar Schnulzenfilme anschauen.“ Ich stimmte zu. Aber wir schliefen schon beim ersten Film ein.

zum Glück war am nächsten Morgen keine Schule. Melissa und ich quatschen schon in aller Frühe im Bett, standen dann aber doch auf. Gemütlich frühstückten wir in der Küche von Martha.

„Was machen wir heute?“ fragte ich kauend.

„Nach so einem Stimmungstief gehe ich am liebsten ins Fitnessstudio. Wie wär’s? Das wäre eine gute Gelegenheit Flo zu beweisen, dass du nicht fett bist.“

„Gut, dann mal los!“

Nach 2 Stunden waren wir beide fertig und duschten uns bei Melissa. Danach meldeten wir uns bei Martha ab, um einkaufen zu gehen.

Aber irgendwie machte es uns heute nicht so viel Spaß als sonst.

Um 18.00 Uhr lieferte Melissas Bodygard Lars mich bei Ma ab. Erschöpft ließ ich mich in das Kissen fallen. Als Ma fünf Minuten später in mein Zimmer kam, merkte ich es gar nicht mehr. Ich schlief.

 „Aufwachen! Telefon!“ Ma zog mir die Decke vom Kopf weg. Als ich mich immer noch nicht bewegte, rüttelte sie mich an den Schultern. „O Mann, erst zehn Uhr!“ murmelte ich und ließ mich ins Bett zurückfallen. „Wer das wohl am Telefon ist?“, grübelte ich, „bestimmt Melissa.“ Also rappelte ich mich aus meinem Bett hoch und nahm den Hörer aus Ma´s Hand entgegen.

„Ja?“, meldete ich mich verschlafen.

„Hallo“. Mir wäre fast der Hörer aus der Hand gerutscht. Jannick! Was will er denn von mir? Ich hatte doch Schluss gemacht. Ich sammelte mich und versuchte lässig zu klingen, als ich sagte:

„Was willst du?“

„Du fehlst mir.“ Du mir auch, dachte ich, brachte es aber nicht über die Lippen.

„Brauchst du mich nur, weil Flo mal wieder keine Zeit hat?“

„Nein, ich wollte mich entschuldigen, wegen Flo und meinem schlechten Benehmen.“

langsam merkte ich, was hier vorging. Im Hintergrund hörte ich ein leises Kichern und Jannick zischte: „Halt die Klappe!!“ Eine Stimme antwortete: „Nun mach schon wir wollen heut schließlich noch etwas unternehmen!“ Ich hasste sie. Ich hasste sie beide. Eindeutig war das Flo ´s Stimme im Hintergrund zu hören. „Du Schwein!“, schrie ich in den Hörer, dann drückte ich wütend auf die Taste zum auflegen. Mein Gesicht war tränenüberströmt, und ich sank zurück in mein Bett.

„Lass mich in Ruhe! Lass mich einfach in Ruhe!“ Ich war sauer. Ma ließ mich einfach nicht in meinem Bett liegen und heulen.

„Du gehst jetzt mit mir joggen! Das tut dir gut und schadet auch nicht.“

„Na gut.“, brummelte ich und machte mich fertig.

Als ich auf die Küchenuhr schaute, war es gerade 12.30 Uhr. Eine Stunde, dann würden wir hoffentlich wieder da sein.

Nach Zwanzig Minuten machten wir Pause auf einer Parkbank. Ma war etwas aus der Puste und wunderte sich, dass ich nicht einmal jammerte.

„Wieso schnaufst du denn nicht? Lebst du überhaupt noch?“, fragte Ma.

„Ich renne mir den Frust von der Seele.“, antwortete ich. Ma schüttelte nur den Kopf und wir setzten uns wieder in Bewegung.

Das tat gut. Das heiße Wasser lief an meinem Körper hinunter und in den Abfluss hinein. Aus der einen Stunde waren dann doch zwei geworden. Und in diesen zwei Stunden hatte ich nicht ein einziges Mal an Jannick gedacht. Ich drehte den Wasserhahn ab und angelte das Handtuch. Schnell trocknete ich mich ab und als ich mich anziehen wollte, fiel mein Blick auf die Waage. „Na gut, einmal wiege ich mich.“ Und siehe da ich hatte nur 54 kg.

Wie jeden Morgen musste ich zur Schule. Ich wollte ja nicht einerseits, weil ich Jannick nicht begegnen wollte, doch andererseits wollte ich ihm nicht zeigen, dass ich ihn vermisste. Wie hatte Ma einmal gesagt? Bei den Männern musst du immer die Oberhand haben und dir nichts anmerken lassen. Ich wollte es zumindest versuchen.

Melissas Vater hatte nun endlich begriffen, dass sie Personenschutz nicht brauchte und so konnten wir auch einmal wieder mit dem Bus fahren. Ich traf im Bus auch Patrick einmal wieder, aber er ging mir aus dem Weg. An der Mauer lehnte Melissa und starrte finster zu Ricky hinüber, die mit Jannick, Patrick, Flo und ihrer Clique herumalberte.

„Ich habe ihn gesehen“, flüsterte ich.

„Und?“ fragte Melissa nervös.

„Er sah nicht sehr glücklich aus. Ich glaube, es hat ihn sehr verletzt, als du ihm den Laufpass gegeben hast. Du kannst stolz auf dich sein.“

„Warum?“

„Weil er dachte, dass er jede haben kann. Und du bist der lebende Beweis, dass es nicht so ist. Komm, lass den Kopf nicht so hängen. Morgen sieht die Welt gleich wieder besser aus.“

Es klingelte und wir verzogen uns in Richtung Klassenzimmer, während Jannick mit Flo händchenhaltend hinter uns schlenderte. Patrick hatte sich mit Ricky begnügt.

Wie immer schrieben wir uns im Unterricht Zettelchen, vor allem bei Herrn Fink. Unser Geschichtslehrer hatte noch nie so richtig begriffen, was wir eigentlich im Unterricht machten. Den Eltern sagte er, wir seien die beste Klasse die er jemals hatte, aber auch nur weil Lillis Vater Professor an der Universität war und sie immer die Hausaufgaben für uns erledigte. Melissa schob mir gerade einen Zettel zu, er war von  Ricky, die zwei Reihen hinter uns saß:

 

 

So, ihr dummen Puten, wer zuletzt lacht,

lacht am besten. Solltet ihr beiden

Jannick und Patrick noch einmal

Flausen in den Kopf setzen, wird das

nicht sehr erfreulich für euch enden.

Merkt euch das, meiner Schwester Flo und mir

kommt niemand in die Quere. Das ist

eure letzte Warnung, noch mal irgendetwas mit

Jannick oder Patrick, dann werdet ihr es sehr bereuen.

Ricky

 

Melissa hatte den Brief schon gelesen und kritzelte darauf eine Antwort. Als sie ihn mir zusteckte, damit ich ihn an Ricky weitergebe, stand wie aus dem Nichts Herr Fink vor uns. Schnell versuchte ich den Zettel unter der Bank verschwinden zu lassen, doch es war zu spät. Auffordernd streckte Herr Fink  die Hand nach dem Briefchen aus. Ich gab es ihm und er las laut vor:

„So Ricky, das werden wir ja sehen

wenn du meinst, dass wir Jannick und Patrick

einfach so aufgeben, hast du dich

aber ganz schön geschnitten.

Und du und deine Schwester werden ihr

Blaues Wunder erleben.

Melissa & Sara“

„Was hat das zu bedeuten?“ Herr Fink sah erst zu Melissa, danach zu mir und dann ruhte sein Blick auf Ricky.

„Ich erwarte Sie alle drei, Melissa, Sara und Ricky nach der Stunde im Lehrerzimmer. Und nun weiter im Stoff. Laura, lies vor.“

Ich konnte es nicht fassen! Ich musste ins Lehrerzimmer. Das hieß entweder wir bekamen eine Mitteilung oder einen Verweis. Mir grauste vor dem Ende der Stunde. Oder würde ich nur eine mündliche Mitteilung bekommen? Ich sah zu Melissa, die ganz bleich war. Ricky dagegen saß wie immer cool in der Bank und unterhielt sich mit den andren Mädchen. Ich fasste Melissas Hand und flüsterte ihr zu: „Wir schaffen das!“

„Aber mein Vater er...“

„Melissa, Sara wollt ihr noch mehr Ärger?“

Also hielten wir uns zurück und stierten in die Bücher.

Die Stunde war aus. Ricky stand langsam auf und ging zum Lehrerpult. Mit ihren 10-cm hohen Schuhabsätzen überragte sie Herrn Fink um Längen. Auch Melissa und ich erhoben uns und gingen zu ihnen.

„Meine Damen“, begann er, „dass im Unterricht keine Zettel geschrieben werden dürfen, ist ihnen schon lange bekannt. Was haben Sie  zu Ihrer Verteidigung zu sagen, Ricky?“

Ricky starrte auf den Boden, holte tief Luft und blickte Herrn Fink in die Augen.

„Ich habe damit überhaupt nichts zu tun. Ich wurde von diesen beiden provoziert und habe ihnen nur meinen Frust über sie beschrieben.“ Sie versuchte, unschuldig zu lächeln, das ihr aber reichlich misslang.

„Das sieht in diesem Briefchen aber nicht so aus. Sie, Ricky, werden heute nach der Schule hier bleiben und einen Aufsatz über das Verhalten während einer Schulstunde schreiben. Melissa und Sara, Sie können nun in die Pause gehen.“

Damit verschwand Herr Fink den Gang hinunter.

„Das wird euch noch Leid tun, ich werde mich an euch rächen, wenn die Zeit gekommen ist.“ Mit diesen Worten stolzierte Ricky zu Mädchentoiletten. Sie wollte in Ruhe eine Zigarette rauchen.

Als wir an diesem Nachmittag ins Ellis gingen hätten wir es niemals für möglich gehalten, noch so etwas zu erleben. Aber alles der Reihe nach.

Melissa und ich gingen nach der Schule hungrig ins Ellis, um uns etwas zum Mittagsessen zu kaufen. Melissa wollte gerade von ihrer Nussschnecke abbeißen, als sie jäh innehielt. Ich sah sie verständnislos an und sie nickte nur in die Raucherecke. Anscheinend stritt sich hier irgendjemand. Ich zuckte nur die Schultern, da ich mit dem Rücken gegen den Lärm stand. Melissa beugte sich zu mir rüber und flüsterte: „Flo und Jannick streiten sich! Ich wusste doch, dass das bei ihnen nicht lange hält. Und Patrick sieht auch ziemlich verloren da hinten aus. Ricky ist weit und breit nicht zu sehen.“

Ich drehte mich nun langsam um. Flo stand tränenüberströmt vor mir. Ihre Wimpertusche lief an ihren Wangen herunter. Auf einmal tat sie mir ein bisschen Leid.

„Jetzt hast du, was du wolltest“, zischte Flo mir zu und verschwand auf die Toilette mit ihren Freundinnen, die sie zu beruhigen versuchten.

Jannick, der mir den Rücken zuwandte, seufzte und trank seinen Cappuccino aus, nahm seine Jacke und wollte zur Tür. Da entdeckte er Melissa und mich. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Ihn abblitzen lassen oder um den Hals fallen? Ein schneller Blick zu Melissa und ich hatte mich entschlossen.

„Sara, wie siehst du denn aus?“ begann Jannick. In mir kam der ganze Frust und die Enttäuschung hoch und ich war wütend, als ich sagte:

„Ich habe mich verändert, wegen dir. Heute weiß ich, dass diese Entscheidung falsch war. Es tut mir wirklich Leid für dich aber falls du es nicht gemerkt hast, du hast mir sehr wehgetan. Mich sitzen gelassen, mit Flo hinter meinem Rücken geflirtet. Du weißt nicht, was ich mir für Vorwürfe gemacht habe.“

„Verzeihst du mir? Ich bitte dich, wir waren doch so glücklich miteinander!“, flehte er mich an.

„Glücklich?“, rief ich, „die kurze Zeit. Wir haben uns kaum gesehen. Du warst vielleicht mit deiner Flo glücklich, aber ich war es ganz bestimmt nicht. Wir müssen jetzt gehen. Wir sehen uns – vielleicht...“ sagte ich kühl, dabei jedoch bemüht, nicht in Tränen auszubrechen.

Melissa und ich verließen das Ellis und gingen zu Melissa nach hause. Dort setzte ich mich in ihrem Zimmer auf den Sitzsack, während uns Melissa von Martha Eis holte. Für Juni war es in dieser Jahreszeit sehr heiß, denn das Thermometer zeigte im Schatten 38° Celsius an. Als sie wieder da war, fragte ich sie:

„Habe ich richtig gehandelt? Ich war schon sehr hart zu Jannick. Meinst du, es hat ihn geschockt, wie ich aussah? Ach, warum zerbreche ich mir den Kopf so über ihn, ich weiß nicht was mit mir los ist.“

„Du hast Liebeskummer. Das ist normal, dass du dir dann so viele Fragen stellst. Zum Glück sind bald Ferien, dann siehst du Jannick vielleicht nicht mehr so oft. Wir können auch ein paar Tage wegfahren. Mein Vater hat eine Ferienwohnung in München. Dann können wir auch mal etwas erleben. Vorausgesetzt deine Ma erlaubt es.“

„Ich werde sie fragen“, sagte ich gedankenverloren. Immer noch dachte ich an Jannick. Aber als Melissa eine CD auflegte und von der Wohnung in München erzählte, entfernten sich meine Gedanken von Jannick und ich  malte mir aus, wie es wohl sein würde, in München...

Ich wachte genau um 6.00 Uhr auf. Noch genügend Zeit, um sich ein wenig herzurichten. Nachdem ich mich angezogen hatte, tuschte ich mir leicht die Wimpern und legte hellblauen Lidschatten auf. So konnte ich mich in der Schule sehen lassen.

Dort wartete allerdings eine unangenehme Überraschung auf mich.

„Was ist denn los?“ fragte ich besorgt, denn Melissa sah gar nicht gut aus.

„Mein Vater hatte einen Unfall“, erklärte sie mir unter Schluchzen, „und nun liegt er im Koma. Die Ärzte sagen, dass er es schaffen kann, aber auch ...“ Ihre Stimme versagte. Ich nahm sie in den Arm und tröstete sie:

„Er wird es schaffen, ich bin mir ganz sicher. In welchem Krankenhaus liegt er denn? Wir können ihn ja besuchen.“

„Im Elisabeth Krankenhaus, im gleichen, in dem meine Mutter starb. Ich will ihn nicht auch noch verlieren. Ich habe doch nur noch ihn. Meine Mutter habe ich schon nicht mehr ich will wenigstens noch ihn behalten.“

Sturzbäche aus Tränen rollten ihr über die Wangen. Als ich Melissa erneut in den arm nahm, sah ich Jannick hinter der Ecke stehen. Er sah zu uns herüber und blickte mich fragend an. Ich schüttelte den Kopf, nahm Melissa bei der Hand und ging den Gang in entgegengesetzter Richtung zu Jannick hinunter. Ich war einfach zu durcheinander, um mit ihm über unsere Beziehung zu reden.

In der Pause lehnten Melissa und ich schweigend an unserer Linde. Bis plötzlich Melissa ernst sagte:

„Mein Vater könnte jetzt gestorben sein oder außer Lebensgefahr sein. Was Sekunden für mich plötzlich eine Bedeutung haben... Ich meine, dass eine Minute Tage dauert und Stunden zu Jahren werden. Es ist schon komisch“, sie sah mich an und lächelte ein bisschen, „früher habe ich mir darüber nie Gedanken gemacht. Und jetzt, da ein geliebter Mensch am Rande des Todes ist, denke ich an so etwas.“

Noch am selben Tag wurde Melissas Vater mit einer komplizierten Operation das Leben gerettet. Doch er würde wahrscheinlich für immer Hinken. Melissa und ich saßen im Warteraum des Elisabeth Krankenhauses. Gerade erzählte sie mir, was sie vom Unfall wusste:

„Es muss ungefähr zwischen halb eins und drei Uhr nachts gewesen sein, als Vaters Limousinenfahrer Georg auf eine Seitenstraße in Verona einbog. Irgendwie muss ein LKW aus der Seitenstraße mit zu hoher Geschwindigkeit gefahren sein, fuhr mit ungeminderter Geschwindigkeit weiter, als er plötzlich schlenkert, fährt er genau in die Seite der Limousine, auf der mein Vater saß. Es muss schrecklich für ihn gewesen sein, so lange auf die Rettungskräfte zu warten. Zum Glück hatte Georg mit seinem Handy die Polizei verständigt, denn sonst wäre mein Vater dort wahrscheinlich gestorben.“

Während Melissa erzählte, kullerten ihr unzählige Tränen an den Wangen herunter. Ich zog ein Taschentuch aus meiner Tasche und gab es ihr. 

„In zwei Stunden wissen wir, ob er die Operation überlebt hat. Bis dahin müssen wir uns eben gedulden und abwarten. Willst du nicht deine Angehörigen informieren?“

„Nein, das hat Martha schon für mich erledigt... Ich kann hier nicht einfach nur rumsitzen, lass uns in den Patientenpark gehen.“

Deswegen gingen wir für eine Stunde im Park spazieren. Es beruhigte Melissa ein wenig und lenkte sie etwas von den Gedanken an ihren Vater ab.

Als wir wieder im Wartezimmer saßen, kehrte auch Melissas Nervosität zurück. Unruhig knetete sie ihre Hände. Endlich öffnete sich die OP-Tür und ein Arzt im blauen Kittel trat heraus. Er sah sehr zufrieden aus. Sofort stürzte Melissa auf ihn und fragte aufgeregt:

„Ist er außer Lebensgefahr? Oder ist er tot?“

„Beruhige dich, Mädchen. Dein Vater hat es geschafft. Und er wird auch nicht hinken. Bist du damit zufrieden?“

„Ja vielen Dank, ich danke Ihnen von ganzem Herzen.“

Strahlend kam Melissa auf mich zu und umarmte mich.

„Danke, dass du bei mir warst, du bist eine echte Freundin“, flüsterte sie mir ins Ohr.

Melissa war noch im Krankenhaus geblieben, um neben dem Bett ihres Vaters zu sitzen. Ich war währenddessen nach hause gefahren, damit sich Ma keine Sorgen machte. Ausführlich berichtete ich ihr, was ich über den Unfall von Melissa erfahren hatte.

„Arme Melissa“, seufzte Ma, als ich geendet hatte, „sie hat es wirklich nicht leicht. Erst ihre Mutter und nun der Vater. Dabei sieht sie immer so selbstbewusst aus. Ich bewundere sie für ihre Haltung wirklich sehr.“

„Was ist eigentlich mit meinem Vater passiert?“ Das hörte sich komisch an. Mein Vater. Ich wusste nicht, wer er war oder  wo er war.

„Ich habe es dir doch schon so oft gesagt“, seufzte Ma, „Ich habe mich von ihm geschieden, als du 1 Jahr alt warst. Seitdem habe ich keinen Kontakt mehr zu ihm. Er hat dich lästig gefunden, wenn du ihn suchen willst, vergiss es am besten, er wird eine neue Frau  haben, ohne Kinder, denn er hat dich nie geliebt.“

Ich wollte nichts mehr hören. Ich ging in mein Zimmer und zog die Bettdecke über den Kopf.

So schlief ich wahrscheinlich ein, denn als ich am Morgen aufwachte, war ich noch angezogen. Ich sah auf den Wecker. Halb Sieben. Schnell warf ich die Bettdecke zurück und stand auf. Duschen würde ich nicht mehr schaffen, also wusch ich mir nur das Gesicht.

Ich hätte nicht gedacht, dass Melissa zur Schule kommen würde. Aber sie kam. Sie sah sogar richtig glücklich aus. Schon von weitem winkte sie mir zu.

„Gestern ist mein Vater aufgewacht und konnte sogar mit mir sprechen!“, sprudelte es aus ihr heraus, als sie neben mir stand, „und außerdem habe ich mich mit Patrick wieder versöhnt. Ich traf ihn auf dem Gang des Krankenhauses. Er wollte seine Oma besuchen, die auch dort ist. Und da hat er mir einfach alles erzählt. Ricky hatte ihn nämlich erpresst. Seine Eltern mögen meinen Vater nämlich nicht und wenn sie Wind davon bekommen, dass er mit dessen Tochter geht,... das würde ihnen bestimmt nicht gefallen und er würde jede Menge Ärger bekommen. Das hat Ricky natürlich ausgenutzt und sagte, wenn er nicht mit ihr gehe, dann werde sie alles seinen Eltern erzählen und, das denke ich zumindest, hätte sie noch ein paar Sachen dazu gedichtet. Aber auf jeden Fall hat er versprochen, weiter mit ihr das Spiel zu spielen, aber wir uns heimlich treffen. Ich bin so glücklich! Was ist mit dir und Jannick, ich denke, Flo hat das gleiche gemacht wie bei Patrick!“

„Nein, er hat mir ins Gesicht gesagt, dass er Flo mag und man merkt ja total, dass er das freiwillig macht. Ich hasse ihn, aber am meisten Flo. Ich passe nicht in ihr Bild, weder in Flo´s, noch in Jannick´s. Seit Flo mich kennt, hat sie genau gewusst, dass ich nicht mit ihr mithalten kann. Für sie bin ich keine Rivalin, sondern eher eine Witzfigur. Hör auf Melissa, für heute reicht es einfach. Ich habe keine Lust, mit dir darüber zu reden.“

„Ich verstehe ja, dass du verletzt bist, aber du musst mit ihm reden. Er schafft es einfach allein nicht von Flo wegzukommen. Du musst ihm helfen. Sonst ist er für dich verloren, du weißt es ganz genau. Ich kann dir nicht mehr helfen, als dass ich dir Ratschläge gebe. Du musst das selbst schaffen.“

Mit diesen Worten ließ mich Melissa einfach vor der Schule stehen.

Den ganzen Tag geisterten mir die Sätze von Melissa im Kopf herum. Ich konnte mich nicht konzentrieren und wenn ich aufgerufen wurde, wusste ich nicht, um was es ging.

Ich beschloss, mich am Nachmittag mit Jannick zu treffen und fragte ihn in der Pause, als Flo gerade nicht in der Nähe war. Er freute sich sichtlich darüber, doch mir wurde immer mulmiger.

Als ich dann vor dem Ellis stand, wollte ich schon fast wieder gehen. Von Jannick war keine Spur, es war schon viertel nach drei, und ich wartete schon eine viertel Stunde. Ich war wütend auf mich. Warum hatte ich mich auch nur auf diesen dummen Gedanken eingelassen? Nun war es zu spät. Ich nahm meine Jacke und legte das Geld für die Cola auf den Tisch. Es war so eine Enttäuschung, dass ich fast anfing, zu heulen. Ich hatte mir so schön ausgemalt, wie er sich bei mir entschuldigen würde und mir eine rote Rose geben würde. Doch es war nicht so. Pustekuchen! Ich sollte in die Zukunft sehen. Durch den Liebeskummer mit Jannick war ich in der Schule ziemlich abgerutscht.

Als ich so durch die Gassen der Altstadt ging, kamen mir immer wieder Pärchen entgegen, die sich umarmten oder Händchen haltend die warme Julisonne genossen. Alle hatten jemanden, der sich um sie kümmerte, der sie liebte, sogar Ma hatte seit zwei Monaten eine festere Beziehung mit Jens. Juli – ein sonniger und eigentlich wunderschöner Sommermonat; nur für mich nicht. Ich wollte nicht mehr; ich blieb einfach stehen. Es schien, als hätte sich alles gegen mich verschworen, selbst das Wetter mit seinen Sonnenstrahlen passte sich meiner Stimmung überhaupt nicht an.

„Warum, warum, warum?!? Warum hast du mich verlassen?!?“, schrie ich plötzlich aus Leibeskräften. Jetzt war die Luft raus und die ganze Wut verschwand. Es hat alles keinen Sinn, dachte ich. Und wenn ich mir die Seele aus dem Hals schreien werde, er wird nicht zu mir zurückkehren. Niemals.

 

Ende (Fortsetzung Friends 2!)

Es sind einige Fehler dabei, zum Beispiel heißt es, es sind Ferien und Sara geht in die Schule. : - )

Sorry, deswegen, aber ich hab auch noch anderes zu tun, als an Friends zu schreiben ;o)

Julia 2003-2004

  

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